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Enjoy Jazz Festival : Aus jedem Hecheln macht sie Musik

  • -Aktualisiert am

Somi hat Anthropologie und Afrikanistik studiert – und wie sie singt! Bild: Tobias Müller

Neue afrikanische Töne aus Amerika: Die Sängerin Somi eröffnet mit einem kompetenten Instrumentalquartett das Festival „Enjoy Jazz“ in Heidelberg und gibt damit viel von ihrer Kultur preis.

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          Mit dieser Sängerin stimmt was nicht. Man spürt es gleich zu Beginn des Konzerts in der Heidelberger Stadthalle. Somi tritt nicht auf, sie schlängelt sich herein und wirkt dabei trotz ihrer üppigen Erscheinung auf wundersame Weise grazil, fast körperlos. Ihre Verbeugung gilt auch keineswegs dem Publikum, wohl eher einem imaginären Zeremonienmeister, der gewisse Rituale vor langer Zeit schon Somis Vorfahren so einprägsam vermittelt haben muss, dass sie selbst nicht anders kann, als all die bedeutungsvollen Gesten an die nächste Generation weiterzureichen. Wenn sie ihre Stimme erhebt, erklingen auch keine Melodien aus dem großen amerikanischen Liederbuch. Und die Sprache, die sie dazu wählt, sind nicht Urworte orphisch, schon eher Urlaute unbekannter Herkunft, absolut rein intoniert und doch das temperierte System melismenreich außer Kraft setzend. Dann aber, wenn sie gebührenden Abstand vom Mikrofon nimmt, um ihre Stimmbänder unverstärkt zu mobilisieren, braucht man nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, was aus den elastischen Membranen des Mikrofons geworden wäre, hätten Somis Schallschwingungen sie direkt getroffen.

          Mit Somi stimmt ansonsten alles. Die Tochter ruandisch-ugandischer Eltern aus Illinois hatte zeitweilig ihren Wohnsitz nach Nigeria verlegt, um sich von der bevölkerungsreichsten Stadt des Schwarzen Kontinents zu einem unter der Oberfläche heftig brodelnden Konzeptalbum mit dem verheißungsvollen Titel „The Lagos Music Salon“ inspirieren zu lassen. Mittlerweile lebt sie in Petite Afrique von East Harlem, von wo schon immer die Signale ausgingen, die die Helden des Jazz in ein System mythischer Kulthandlungen verwandelten. Somis Formeln und Gesten wirken da nicht anders. Sie lassen erahnen, dass Jazz ursprünglich keine Tonkunst, vielmehr Tanz war. Und man spürt an jedem Hecheln, das die junge Sängerin in Musik verwandelt, wie genau sie die Gründe kennt, die den Jazz bisweilen so krumm und gebeugt, aber auch so magisch erscheinen lassen. Wer, wenn nicht Somi, die vielgereiste, polyglotte Künstlerin der Neorenaissance aus Harlem, wüsste, dass das Kauderwelsch ein geheimer Code ist und eine Verständigungsform zugleich, mit der oft mehr ausgedrückt werden kann als durch bestes Oxford English.

          Jetzt zur Eröffnung von Enjoy Jazz, dem ambitionierten sechswöchigen „Festival für Jazz und Anderes“ in der Rhein-Neckar-Region zwischen Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen, ist bei Somis Auftritt mit einem kompetenten Instrumentalquartett eine Kultur zum Greifen nah, die alle Sinne zu stimulieren vermag und doch ein gutes Maß an Rätselhaftigkeit bewahrt. Für bare Münze darf man jedenfalls nichts nehmen, was aus ihrem verführerisch schön geschminkten Mund heraustönt. Vielleicht wäre Subversion das Hauptwort, das ihren Stil am besten charakterisiert. Das aber galt immer schon als Schlüssel zum Jazz. Billie Holidays „Strange Fruit“ war so wenig für die Obstschale geeignet wie Somis „Brown Round Things“ für die Schüssel mit Kuchengebäck. Lynchjustiz und Zwang zur Prostitution vereinen sich auf derselben Seite einer unseligen Medaille sozialer Unterdrückung.

          Aber Somi, die Anthropologie und Afrikanistik studiert hat, ist keine Agitatorin. Sie geht mit offenen Sinnen durch die Welt und verwandelt, was sie sieht, hört, riecht und spürt, in Kurzgeschichten des Alltags. Auch das gehört in den Tornister der Jazznomaden. Nur die Kunstfertigkeit unterscheidet ihre Hervorbringungen von denen vieler Kollegen. Die Vorteile, die Somi dabei ins Feld führen kann, springen förmlich in die Ohren: Klangsinn, Ausdruckskraft, souverän eingesetzte Vokaltechnik, Bühnenpräsenz und Urmusikalität. Damit nähert sie sich den ganz Großen, Nina Simone etwa, deren „Four Women“ sie mit Szenen aus dem Wahnsinn eines immer noch virulenten Rassismus aktualisiert. Oder anderes Beispiel: ihr grandioses „Black Enough“, das sich auch eine Community in Harlem hinter die Ohren schreiben könnte, die Duke Ellingtons „Black, Brown and Beige“ nicht als Selbstbewusstsein über alle ethnischen Schattierungen hinweg interpretiert, vielmehr als Hinweis auf ein Kastendenken in den eigenen Reihen.

          Somi ist eine faszinierende Jazzsängerin auf dem Niveau einer Dianne Reeves, der sie im Übrigen in ihrer ganzen Erscheinung ähnelt. Und sie umgibt sich mit Musikern auf gleichem Niveau, die wie sie auch das ganze Jazzspektrum von bittersüßen Balladen über Soul Music bis zu poppigen Songs beherrschen und sich dabei in einen wahren Klangrausch über endlos wiederholte Riffs steigern können. Ein Festival, das so beginnt, nähert sich dem Exzellenz-Titel. Was noch kommt – Vijay Iyer, Archie Shepp, Brad Mehldau, Youn Sun Nah etwa –, wird die mögliche Auszeichnung kaum gefährden.

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