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Sängerin Rebekka Bakken im Gespräch : Warum ist es in New York so friedlich?

  • -Aktualisiert am

Wir treffen Rebekka Bakken auf einer Terrasse am Wörthersee. Dort ist und isst die Sängerin einmal im Jahr, in einer Art Wellness-Hotel, wo sie Körper und Seele stärkt.

          Erzählen Sie uns etwas über Ihr frühes Nomadenleben?

          Ich bin mit vierundzwanzig Jahren nach New York gegangen. Da hatte ich schon viel gesungen. In New York war ich aber natürlich ein absoluter Nobody. Aber New York ist der beste Platz für einen Nobody. Sie akzeptieren dich als Nobody, der Begriff hat dort keinen schlechten Beigeschmack. Jeder ist ein Nobody, es gibt da keine Abstufungen. Man trifft auf Neugier und Offenheit, man geht in Clubs und hört der Musik zu und wird leicht selbst ein Mitglied der Szene. Es gibt dort eben nur eine Szene: die große New-York-Szene. Irgendwie trifft man also zwangsläufig die Leute, die man mag. Später, als ich dann eigene Bands hatte, nutzten mir diese Bekanntschaften. Ich war später aber auch noch ein Jahr in Prag und fünf Jahre in Wien.

          Und vom berühmten New Yorker „rat race“, dem gnadenlosen Konkurrenzkampf, haben Sie nichts gespürt?

          Es inspiriert und stimuliert mich, in der Gesellschaft von Künstlern zu sein, die ohne Kompromisse das tun, was sie tun wollen. Erfolg ist schön, aber nicht meine Priorität.

          Zurzeit, so war zu lesen, wohnen Sie aber gerade auf einer Pferdefarm in Schweden.

          Ja, so war es bis vor kurzem, aber dieses Kapitel ist nun abgeschlossen, und ich bin sozusagen auf dem Weg zurück nach New York. Ich werde den Winter dort verbringen, weil ich gemerkt habe, dass ich dort sein will. New York ist einfach gut für mich. Als ich damals auch den Winter dort verbracht habe, war ich enorm produktiv und angeregt. Es gibt so endlos viele gute Musiker; selbst die Straßenmusiker sind noch phantastisch. Es gibt so viel Großartiges dort, und es ist doch alles nicht so aufgeplustert.

          Haben Sie aber nicht manchmal das Gefühl, Sie bräuchten eine Höhle oder ein Schloss, wo Sie das müde Haupt auf ein Kissen legen und sich zu Hause fühlen könnten?

          Ja, aber meine Familie besitzt ein Haus auf einer Insel in Norwegen, auf der Höhe von Trondheim. Da habe ich ein Kopfkissen, wenn ich eines haben will. Ich brauche auch von Zeit zu Zeit das Meer.

          Rebekka Bakken 2008, in Frankfurt, im Mousonturm

          Aus heutiger Sicht haben Sie, als Sie anfingen, die Bühnen in Europa zu erobern, sich als eine Pionierin, ein Eisbrecher für all die skandinavischen Sängerinnen, die dann ausschwärmten, die sich plötzlich auch etwas trauten, erwiesen. Man hat das Gefühl, dass das Singen in Schweden und Norwegen einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns - in den Familien wie im öffentlichen Leben.

          Ich als Vorbild für andere? Nein, der Gedanke ist mir nie gekommen. Singen war in meiner direkten Umgebung sogar eher peinlich, genau so, wie mit einem Geigenkasten herumzulaufen. Sport, das war’s, was zählte. Aber ich habe trotzdem immer gesungen, zu Hause, so vor mich hin. Niemand kümmerte sich groß drum, ich konnte machen, was ich wollte. Diese Beiläufigkeit gefiel mir sehr gut. Ich hatte immerhin Klavier- und Geigenunterricht und lernte, mich selbst am Klavier zu begleiten. Die ersten öffentlichen Auftritte hatte ich aber mit der Geige, da war ich fünfzehn, dann später auch mit Gesang. Diese Wirkung auf andere, das Gefühl, dass meine Musik den Leuten gefiel, das bedeutete mir enorm viel, und so ist es natürlich auch heute noch.

          Hatten Sie im Alter von fünfzehn, sechzehn Jahren irgendwelche Idole, Sängerinnen etwa?

          Nein. Ich hatte nie solche Helden. Aretha Franklin habe ich zum ersten Mal mit achtzehn gehört, und ich dachte damals: Das ist das Beste, einfach perfekt, ich werde nie singen können wie sie. Und wenn ich nicht singen kann wie sie, warum sollte ich dann überhaupt singen? Zwei Wochen lang verschlug es mir die Stimme, aber dann brauchte ich einfach den Gesang wieder. Ich singe ja immer, wenn ich herumlaufe oder sonst etwas mache. Nein, natürlich singe ich nicht immer, aber manchmal in meinem Kopf, ohne dass man etwas davon hört. Singen ist ein natürlicher Teil meines Lebens. Es wurde mir dann klar, dass das Einzige, was ich habe, ich selbst bin, dass ich nicht die Beste sein kann. Und das war der Anfang und das Ende für meine „Helden“.

          Hier auf dem Kontinent hat man den Eindruck, dass in Skandinavien nur die Frauen singen. Was ist mit den Männern los?

          Schwer zu sagen. Es gibt eine Unmenge männlicher Folksänger in Norwegen; ich habe viele Anregungen von ihnen für meine Lieder erhalten. Sie schreiben ihre Texte allerdings meist auf Norwegisch. Das mag ein Grund sein, warum man sie außerhalb des Landes nicht wahrnimmt. Manchmal denke ich auch, dass es die Schallplattenfirmen sind, die Sängerinnen immer ganz oben auf den Stapel legen. Und es gibt eine generelle Einstellung gegenüber oder bei musikalischen Jugendlichen: Wenn du ein Junge bist, erlernst du ein Instrument, wenn du ein Mädchen bist, singst du.

          Haben Sie eine Vorstellung von der Zusammensetzung Ihres Publikums?

          Ich glaube, es weist eine große Breite aus - altersmäßig und auch, was die Geschlechterverteilung anbelangt. Das finde ich großartig. Die Mehrheit ist wohl ziemlich erwachsen. Kinder und Teenager sehe ich weniger in den Sälen sitzen.

          Hätten Sie denn gern ein Publikum, das mitsingt und die Feuerzeuge anzündet?

          Zum Mitsingen sind meine Songs nicht so recht geeignet, aber es gibt beim Publikum eine totale Aufmerksamkeit, die sich solch einer feierlichen Stimmung annähert. Wenn ich die spüre, freue ich mich sehr.

          In welchen Ländern sind Sie außerhalb Schwedens und Norwegens am erfolgreichsten?

          Ich bin gar nicht erfolgreich in Schweden oder Norwegen. In beiden Ländern habe ich meine Karriere nie besonders forciert und meine Schallplattenfirma auch nicht. Ich habe seit 1994 nicht mehr in Skandinavien gelebt - mit Ausnahme der letzten anderthalb Jahre in Schweden, aber das zählt kaum. Ich gehe stattdessen durch offene Türen in vielen anderen europäischen Ländern.

          In einem Gespräch haben Sie kürzlich gesagt, sie seien auch kein Jazzer. Sie haben aber immerhin eine ganz schöne gemeinsame Vergangenheit mit etlichen prominenten Jazzmusikern: mit Wolfgang Muthspiel, Johannes Enders oder Julia Hülsmann.

          Ich achte den Jazz sehr. Aber wenn ich in Italien bin, spreche ich italienisch, ohne mich gleich als Italienerin zu fühlen. Ich weiß zu wenig vom Jazz, als dass ich mir diesen Mantel umhängen könnte. Ich kenne keinen einzigen Standard, ich kann nicht improvisieren und keinen Bebop phrasieren. Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Muthspiel war ein Glücksfall. Irgendwie konnten wir unsere beiden musikalischen Landschaften aus gemeinsamer Neugier gut zusammenbringen. Das wilde Eifersuchtsdrama „Love Of Another“, das dabei entstand, haben wir bei einem Urlaub hier in Kärnten zusammen verfasst.

          Auf Ihrer neuen, in Amerika mit amerikanischen Musikern produzierten CD „September“ finden sich viele Farben und stilistische Einflüsse: Country klingt durch, es gibt textfreie Vokalisen, ernsthafte Singer-Songwriter-Bekenntnisse, aufgedrehte Lebenslust mit Talking-Blues-Elementen und auch drei Fremdkompositionen. Sie selbst schreiben meistens ohne Refrains, ohne Reime, ohne Strophenformen.

          Ja, ich nehme mir alle Freiheiten und denke nicht darüber nach. Wenn ich schreibe, dann geschieht das einfach in einem Zug.

          Sollte man die komplizierteren Texte mitlesen, und glauben Sie, dass Sie sie im Konzert rüberzubringen verstehen?

          Letztlich müssten sie vielleicht gelesen werden. Aber in den Konzerten gebe ich ein paar kleine Einführungen, zumindest über die generelle Richtung der Lieder. Sie handeln von der Intensität des Lebens, und das verstehen die Leute.

          Wie sind Sie auf den Song „The Wrestler“ von Bruce Springsteen gekommen?

          Es gibt Darren Aronofskys gleichnamigen Film aus dem Jahr 2008 über einen Ringer. Das ist ein Loser, der nichts mehr zustande bringt, der zu alt für seinen Beruf und zur totalen Unperson geworden ist. Der Film und Springsteens darin enthaltenes Lied haben mich sehr berührt.

          Können Sie sich vorstellen, in einem künftigen Song auf das Massaker in Oslo und auf der Ferieninsel Bezug zu nehmen?

          Nein. Solcher Horror passiert überall auf der Welt. Das konkrete Ereignis geschah in Norwegen, aber sinnloses Töten gibt es leider überall, und so gesehen war diese fürchterliche Tragöde nichts Besonderes, und das ist die eigentliche Tragödie. Nein, mein Fokus liegt nicht auf solchen Wahnsinnstaten. Ich möchte das Gute in mir selbst verbessern und nicht meine Aufmerksamkeit auf diese kranken Hirne verschwenden.

          Wenn Sie jetzt zurück nach New York gehen: Was wird das Erste sein, das Sie tun, wenn Sie aus dem Flughafen kommen?

          Ich werde einen Kaffee trinken und in das Apartment gehen, das ich mir für eine Woche gemietet habe. Von dort aus suche ich mir dann eine Wohnung, in der ich länger wohnen kann, und zwar in Soho. Ich wollte zwar immer auch mal andere Stadtteile von New York auskundschaften, aber Soho liebe ich einfach - die Ruhe der dortigen kleinen Straßen, das europäische Feeling, die ganze Ästhetik, alte Geschäfte und Restaurants, das Nachbarschaftsgefühl. Man kennt die Leute, und man kann den Wohnungsschlüssel in der Tür stecken lassen. Von allen Orten auf der ganzen Welt fühle ich mich in New York am sichersten. Die Leute achten dich, sie nehmen Anteil. Sie helfen sich, egal ob man reich oder ein Obdachloser ist. Du kannst mit jedem reden, ob du auf den Aufzug wartest oder gerade die Einkaufstüte packst. Ich bin nun mal neugierig auf andere Leute. Ich mag alle, die ich noch nicht kenne.

          Was für Musik hören Sie selbst im Moment bevorzugt?

          Einen schwedischen Alt-Punker und neuerdings Progrocker namens Freddie Wadling höre ich zurzeit viel. Und Bob Dylan, wo und wann immer es möglich ist. Klassische Musik höre ich auch viel und Instrumentalmusik der fortschrittlicheren Sorten, besonders Eivind Aarset, aber auch Pat Metheny, von dem ich alle Platten besitze und besonders „Missouri Sky“ mit Charlie Haden liebe.

          Sie sind nach allgemeiner Einschätzung eine Schönheit. Hat das auch Nachteile?

          Wenn man sich darauf einlässt, so etwas wirklich wichtig zu nehmen, ist man schnell am Ende. O. K.., Skandinavierin, groß, blond - das hat mir geholfen, in New York eine Stelle als Kellnerin zu kriegen. Gefeuert wurde ich trotzdem. Dann sagt jemand etwas Böses über dein Äußeres, und wenn dir das wichtig ist, dann denkst du an Selbstmord. Sängerinnen sind ja oft nicht die schärfsten Typen, und man sollte das Publikum nicht unterschätzen. Das kann sehr wohl zwischen einem hübschen Gesicht und guter Musik unterscheiden. Die Leute, denen du etwas mitteilen willst, lassen sich durch dein Äußeres nicht blenden. Aber klar, ich sehe gern gut aus, und ich passe auch schon auf, dass ich auf meinen Pressefotos und CD-Hüllen nicht als hässliches Entlein erscheine.

          Wenn Sie jemand treffen könnten, der entweder nicht mehr unter uns weilt oder schwer erreichbar ist, wer fiele Ihnen da ein?

          Hm . . . Jesus, ja, Jesus, wer würde ihn nicht treffen wollen? Und Churchill.
          Kein Künstler? Keine Sänger aus der Vergangenheit?
          Nein, Sänger sind langweilig. Sänger und Musiker brauche ich nicht zu treffen, jedenfalls nicht außerhalb des gemeinsamen Musikmachens.

          Das Gespräch mit Rebekka Bakken führte Ulrich Olshausen.

          Zur Person

          Rebekka Bakken wird 1970 in der norwegischen Hauptstadt Oslo als Tochter einer Akademikerfamilie geboren; der Vater ist Neurologe, die Mutter Lehrerin. Klavier- und Geigenunterricht gehören zum Bildungsanspruch.

          Mit dem Singen beginnt Rebekka Bakken schon als Kind - aus Protest gegen die allzu intensive Kontrolle aller Lebensbereiche in ihrem Elternhaus. Später macht sie ihre Berufung zum Beruf.

          2002 wird sie von Bert Noglik für die Leipziger Jazztage verpflichtet, wo sie mit dem österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel und einer merkwürdigen Mischung aus Jazz und Songwriting das Publikum begeistert. Fortan zählt sie zu den festen Größen auf den Konzertbühnen in Kontinentaleuropa.

          Ihre aktuelle Tournee hat gerade begonnen. Bis Anfang Dezember ist sie in Deutschland und Österreich unterwegs.

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