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Sängerfeste im Baltikum : Wie das Oktoberfest, nur ohne Bier

Rund 40.000 Mitwirkende kamen im Juli 2018 zum Sängerfest nach Riga. Hier ein Bild vom Abschlusskonzert Bild: Picture-Alliance

Die nationenbildenden Sängerfeste in Litauen und Lettland brachten am Ende der Sowjetunion die „singende Revolution“ auf den Weg. Wegen sinkender Teilnehmerzahlen werden heute Alternativen zum Volkslied diskutiert. Eine kommt aus Amerika.

          Musik kann man schlecht zensieren. Man kann einen ganzen Komponisten verbieten, seinen Stil verdammen, wie es Diktatoren gelegentlich getan haben. Aber aus einer Symphonie oder einem Lied ein paar Takte herauszuoperieren, so wie man aus Romanen immer wieder heikle Sätze gestrichen hat, das wäre (vom Standpunkt des Zensors aus betrachtet) sinnlos und musikalisch riskant.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Vielleicht steckt hier das Geheimnis der baltischen Sängerfeste. Litauer, Letten und Esten feiern seit dem neunzehnten Jahrhundert alle paar Jahre ein solches großes Fest. Es seien die Olympischen Spiele ihrer Kultur, so heißt es. Die Feste sind in der Zarenzeit entstanden, in der Sowjetzeit wurden sie als Element der „Volkskultur“ geduldet und gehätschelt, und als Gorbatschow kam und mit ihm das Tauwetter, erwuchsen aus der Sangestradition der Balten die „singenden Revolutionen“.

          Die Gedanken sind frei: Das Liedgut wurde zum Eisbrecher, der in jenen Jahren auch die Forderung nach einer viel weiter reichenden Freiheit transportierte. Einmal etabliert, konnte die Folklore nicht mehr wegzensiert werden und wurde zur Chiffre für Heimat, Eigenständigkeit, Resistenz. Am Ende schmolz die Sowjetunion wie Schnee in der Sonne. Die baltischen Völker eroberten sich singend ihre Unabhängigkeit zurück.

          Staatspräsidentin unter den Zehntausenden Zuhörer

          Die vorige Woche war gleich in zwei Hauptstädten, in Vilnius und in Riga, ausgefüllt mit dem jeweiligen, mehrere Tage umfassenden Sängerfest. Litauen an einem Sommertag: Neben der wuchtigen katholischen Kathedrale in Vilnius liegt heute das Großfürstenschloss, nach seiner Zerstörung unter den Zaren in den letzten Jahren wieder aufgebaut, der Kristallisationskern eines neuen Selbstbewusstseins.

          Auf dem Platz davor sammeln sich Menschen in bunten Trachten; Kinder-, Studenten- und sonstige Chöre tragen ihre jeweilige Kluft, zu denen bei den ganz Jungen auch grelle T-Shirts gehören dürfen; die Köpfe vieler junger Frauen schmücken selbstgeflochtene Kränze aus Blumen und Gräsern. Vorhin ist die Messe zu Ende gegangen; Vytautas Landsbergis war in der Kathedrale dabei, der Komponist und Musikologe, der das Land 1990/91 als erste Sowjetrepublik in die Unabhängigkeit führte. Er selbst, vom Alter gebeugt, im dunklen Anzug, seine Frau in Tracht.

          Aus voller Kehle: Sängerinnen beim Sängerfest 2018 in Vilnius Bilderstrecke

          Dann geht es in einer langen Prozession der Sänger und Trachtenträger hinaus aus der Stadt. Das Abschlusskonzert im Vingis-Park ist das Ziel, auf einer Bühne unter einer Konzertmuschel, die wohl etwa zweitausend Sängern Raum bietet. Ringsum Kiefernwald.

          Der Weg aus der Stadt zu dieser Waldbühne ist gesäumt von Reisebussen, die unzählige Gruppen von Musikern, Sängern und Tänzern aus dem ganzen Land hierher gebracht haben. Zehntausende werden ihnen zuhören. In der ersten Reihe die Staatspräsidentin und die Kulturministerin, beide in Tracht. Irgendwo dazwischen, in gedeckten Farben und mit wehendem Haar, ein Gast aus Berlin, Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

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