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Nachruf auf Charles Aznavour : Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist

Charles Aznavour (1924 bis 2018) Bild: Richard Dumas/VU/laif

Eines langen Lebens Reise in die Vergangenheit kommt an ihr Ziel: Zum Tode des Sängers und Schauspielers Charles Aznavour.

          Mit neun stand er das erste Mal auf der Bühne, mit neunzig absolvierte er eine „Abschiedstournee“, dazwischen lag ein Leben, das von Auftritten und Plattenaufnahmen – rund 1300 Lieder sollen es sein, weit mehr als 200 Millionen verkaufte Platten – bestimmt war, nicht zu vergessen mehr als sechzig Filme, in denen er mitgewirkt hat. Wer Charles Aznavour in den letzten Jahren im Konzertsaal gesehen hat, erlebte einen kleinen, schmalen, äußerst eleganten Herrn, vollständig konzentriert, ohne dabei einen Schimmer von Anstrengung zu offenbaren, eine Respektsperson, die das kleine Orchester in ihrem Rücken komplett im Griff hatte. Und einen Sänger, der zugleich im Duett mit seiner Tochter Katia sein Lied „Je voyage“ sang, davon also, wie es ist, silberhaarig auf einer Bank den Gedanken nachzuhängen, den vielleicht letzten Frühling vorbeiziehen und die Dinge laufen zu lassen, in die Vergangenheit zu reisen „ohne Gepäck, mit der Hilfe von Bildern, Träumen und Gedanken“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was Charles Aznavour auf dieser Reise in die eigene Vergangenheit antraf, hat er in zwei Autobiographien beschrieben. 1924 als Sohn armenischer Flüchtlinge im Pariser Quartier Latin geboren (und Shahnourh Varenagh Aznavourian getauft, ein Name, der zu kompliziert für eine Karriere als Chansonnier war), brach er die Schule als Jugendlicher zugunsten der Musik ab. Im Krieg arbeitete er unter prekären Bedingungen als Sänger, und erst die Begegnung mit Edith Piaf, die den Sänger zufällig während einer Radio-Livesendung traf, auf ihn aufmerksam wurde, ihn mit in ihr Appartement nahm (eine Liebesbeziehung gab es zwischen den beiden nie, sagte Aznavour wiederholt) und den Zweiundzwanzigjährigen am nächsten Morgen als Begleiter für ihre nächste Tournee engagierte, brachte seine Karriere voran.

          Eine Musiklegende, wie sie im Buche steht: Charles Aznavour feierte auf unterschiedlichen Gebieten Erfolge. Bilderstrecke

          Abschied von der Jugend

          Bis zum Durchbruch um 1960 nahm Aznavour Schallplatten auf und gab unermüdlich Konzerte, auch wenn er von einer Amerika-Tournee reichlich desillusioniert zurückkam. Er spielte in Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ von 1960 und etablierte sich damit als gefragter Schauspieler. Vor allem aber kam eine Färbung in seine Lieder, die mit „Nostalgie“ nur sehr unzureichend beschrieben wäre. Die Hinwendung zur eigenen, nahen oder entfernten Vergangenheit, wie sie sich in Liedern wie „Hier encore“, oder „De t’avoir aimée“, vor allem aber im berühmten „La Bohème“ zeigt, hat zugleich immer etwas Sezierendes, der Verklärung Abholdes oder diese Ironisierendes – Aznavour belässt es nicht bei der Aussage, dass er liebte und die Geliebte verlor, sondern untersucht genau, wie das war mit der Liebe, wie man seine Gefühle beschreiben könnte und was genau jetzt fehlt, nachdem er nun alleingelassen ist.

          Die Trauer über das Verfliegen der Jugend ist in „Hier encore“ begleitet von dem großen Staunen darüber, dass das, was sich wie gestern anfühlt, das Luftschlösserbauen des Zwanzigjährigen, nun schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückliegt. Und schließlich „La Bohème“, das Lied, in dem sich „jolie“ auf „genie“ reimt, Letzteres als Gemeingut der Bohemiens betrachtet, in dem bittere Armut und Lebensfreude Hand in Hand gehen und die Gegenwart gnädig ausgespart wird, nur dass das, was damals war, so unwirklich erscheint, dass man es im Detail erzählen muss, ob es das heutige Dasein nun leichter oder schwerer zu ertragen macht.

          Ruhig bleiben

          All dies könnte eine mäßige musikalische Inszenierung ruinieren, und es gehört zum Zauber dieser Aufnahmen, dass Aznavours Stimme den nüchternen, manchmal nasalen Gegenpart zum Schwelgen der Geigen und dem Perlen des Klaviers so überzeugend übernimmt, dass die ungeheure Spannung zwischen Verstand und Gemüt, die sich in den Texten findet, die Musik genauso prägt. Aznavours Aufnahmen erreichen ihr Publikum mühelos, sie schmeicheln sich oft genug ins Ohr und setzen zugleich Signale, sich der Sache nicht einfach so zu überlassen.

          Da ist etwa „Il faut savoir“, vielleicht sein schönstes Lied, eine Hymne an die Haltung, an den Stil, geschrieben, um einer ganzen Welt in tiefster Verzweiflung die Stirn zu bieten, wenn, wie er singt, das Beste der Liebe gegangen ist und nun nur noch das Schlimmere kommen kann. So ist das, versichert er sich Strophe um Strophe, man muss ruhig bleiben, äußerlich unbewegt, und das, heißt es dann in den allerletzten Zeilen, ist ihm unmöglich – die Stimme, bis dahin tatsächlich gelassen und auf den mittelhohen Noten des Spektrums angesiedelt, wird plötzlich ausdrucksvoll und steigt, noch immer samtig, in die Höhe und verharrt dort, während das Orchester den Schwung in ein grandioses Finale überführt.

          Unermüdlich in seinem Schaffen

          Dabei belässt es Aznavour nicht, natürlich nicht, und wenn man sein Werk überblickt, dann nehmen darin die optimistischeren Lieder einen herausragenden Platz ein. „J’aime Paris au mois de Mai“ beispielsweise birst vor Lebenslust, und „Je n’ai pas vu le temps passer“ variiert das Thema von „Hier encore“, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen, optimistisch, schwungvoll, der Zeit die Stirn bietend, so dass man geradezu den Sturm zu spüren meint, gegen den der Sänger sich so gelassen stemmt.

          Aznavour nutzte seinen Ruhm als weltbekannter Musiker, um für die Sache der Armenier zu werben, für die er sich auch humanitär engagierte – später diente er dem unabhängigen Armenien als Schweizer Botschafter. Und er ließ auch im hohen Alter keine Anzeichen dafür erkennen, dass er seine Musikerkarriere eines Tages beenden wollte.

          „Je voyage“ sang er bis zuletzt regelmäßig auf seinen Konzerten, ein Lied, so schön, so schmerzlich, dass man dem Greis, der darin seinen Erinnerungen nachhängt, jetzt nur noch eine gute Reise wünschen möchte, in der Gewissheit, dass sich die Erfüllung dieses Wunsches von selbst versteht. Am Montag ist Charles Aznavour im Alter von 94 Jahren in Mouriès, Südfrankreich, gestorben.

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