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Zum Achtzigsten von Karel Gott : Als Karel und Karel zusammen sangen

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Karel Gott bei der ZDF-Silvester-Show 1971 Bild: dpa

Weltstar, Flüchtling, Stütze des Regimes und Symbol der Revolution: Karel Gott hat in seiner Heimat Tschechien viele Rollen gespielt. Jetzt wird der Sänger der „Biene Maja“ achtzig Jahre alt.

          Am kalten 4. Dezember 1989 steht Karel Gott auf dem Balkon von Melantrich hoch über dem Prager Wenzelsplatz, vielleicht ist er anfangs ein wenig unsicher und überwältigt von der Stimmung, doch dann lächelt er. Neben ihm steht ein anderer bekannter Karel, Karel Kryl. Die Fahnen wehen, die Menschen skandieren „Es lebe Havel“, was schnell zu „Es lebe Karel“ wird. Dann stimmen Karel und Karel die tschechoslowakische Nationalhymne an. Mehrere hunderttausend Menschen, die sich an diesem Tag unter dem heiligen Wenzel versammelt haben, singen mit. Das ganze Land sitzt vor dem Fernseher und schaut zu.

          Václav Havel, der bekannteste tschechische Dissident und spätere Präsident, weiß, die Freiheit ist an diesen Tagen noch nicht errungen. Es war seine Idee, die beiden Karels zusammen auftreten zu lassen. Um Einheit zu zeigen, als ein öffentlicher Akt der Versöhnung. Vielleicht auch als Akt der Vergebung im Zuge der Samtenen Revolution, die kurz zuvor am 17. November auf der Prager Nationalstraße mit der brutalen Niederschlagung einer Studentendemonstration ihren Anfang nahm.

          Denn diese beiden Karels können nicht unterschiedlicher sein. Gott elegant, schlank, glatt rasiert und mit perfekter Frisur, Kryl ein wenig untersetzt, mit Schnurrbart und lichtem Haar. Kryl war gerade aus dem Exil zurück, vor seinem frühzeitigen Tod 1994 bereute er den gemeinsamen Auftritt. Als Liedermacher wurde er verboten, nachdem er den düsteren Soundtrack zur sowjetischen Besatzung schrieb. Nach 1968 musste er das Land Richtung Bayern verlassen, doch seine Songs spielt man in den verrauchten Bahnhofskneipen heimlich weiter.

          Lange vor der Wende ein Superstar im Osten wie im Westen

          Die vielen Hits von Karel Gott kennt dagegen wirklich jeder. Und nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in der DDR, Polen oder in der Sowjetunion. Gott singt zwar in mehreren Sprachen, doch am erfolgreichsten ist er auf Tschechisch und Deutsch. Beide Sprachen wechselt er wie selbstverständlich, ganz so wie es früher Alltag in Böhmen war.

          Als Karel Gott am 14. Juli 1939 in Pilsen geboren wurde, war es allerdings schon vorbei mit dem friedlichen Zusammenleben zwischen Tschechen und Deutschen. Das Land war seit ein paar Monaten von den Nazis besetzt. Der gelernte Elektriker, der eigentlich Malerei studieren wollte, ist seit dem Prager Frühling der tschechoslowakische Exportschlager – abgesehen vom Pilsner seiner Geburtsstadt. Er tourt durch die Bundesrepublik, ist in den westdeutschen Shows vielleicht öfter zu sehen als im tschechoslowakischen Fernsehen. Man liebt ihn in der Schweiz. Und natürlich auch in Österreich – für das Land nimmt Gott sogar 1968 mit dem Hit „Tausend Fenster“, geschrieben von Udo Jürgens, am Grand Prix d’Eurovision de la Chanson teil, dem heutigen Eurovision Song Contest. Lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs kennt man ihn auch in Paris, Tokio, Rio de Janeiro oder sogar in Las Vegas. Ein Superstar im Osten wie im Westen, eigentlich überall.

          Da wussten alle, dass gerade etwas zusammenbricht

          Tatsächlich ist Karel Gott ein großartiger Interpret, vom Rock ’n’ Roll über Schlager bis zu melancholischen Balladen. Ganz gleich, ob Regimes untergehen und Machthaber gestürzt werden oder wie es mit uns weitergeht – Karel Gott singt heute noch von einer Schönheit namens Lady Carneval. Viele seiner Hits, darunter auch „Die Biene Maja“, die auch sein Freund Karel Svoboda für ihn komponierte, scheinen glatt und unverfänglich. Dennoch bleibt er in all seinen Ambivalenzen eine wichtige politische Figur, ob er will oder nicht. Den damaligem Genossen muss es ein Dorn im Auge gewesen sein, als sein Lied „Wohin ist er damals gegangen, mein Bruder Jan“ als Anspielung auf den Märtyrertod von Jan Palach rezipiert wurde.

          Anfang der siebziger Jahre, während der sogenannten Normalisierung, blieb er nach einer Tour im Westen. Doch schon nach kurzer Zeit entschloss er sich, wieder zurückzukehren. Seine Kritiker werfen ihm vor, mit dem neostalinistischen Regime Gustáv Husáks eine Liaison eingegangen zu sein. Er durfte weiterhin reisen und seine Karriere vorantreiben, die Regierung konnte sich mit ihm schmücken und sich auf seine Treue verlassen. Dies zeigte sich vor allem bei der sogenannten Anticharta, die 1977 viele Künstler unterzeichneten, um der Bürgerbewegung Charta 77 von Václav Havel und Pavel Kohout entgegenzutreten. In seinem Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ beschreibt ihn Milan Kundera aus seinem Pariser Exil als „Idioten der Musik“ und Husák als „Präsidenten des Vergessens“, die sich gegenseitig ergänzen.

          Als Václav Havel im Dezember 1989 Karel Gott und Karel Kryl hoch über dem Wenzelsplatz die Nationalhymne singen lässt, wussten auch die treuesten Genossen, von Karlsbad in Westböhmen bis hin zum kleinsten Dorf in der Ostslowakei, dass da gerade etwas zusammenbricht. Nach vierzig Jahren Sozialismus hatten sie verloren. Karel Gott war nicht mehr auf ihrer Seite, sondern auf der von Havel und Kryl. Dieser kurze Auftritt ist einer der Höhepunkte seiner langen Laufbahn. An diesem Sonntag feiert Karel Gott seinen achtzigsten Geburtstag.

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