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São Paulo : Hilft klassische Musik aus dem Elend?

Kontrabassist Philipp Stubenrauch mit einem jungen Schüler im Instituto Baccarelli Bild: Peter Meisel

Virtuoser Klang für eine bessere Zukunft: In der größten Favela Brasiliens werden talentierte junge Musiker ausgebildet. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist dabei.

          Der richtige Zeitpunkt für den Blick aufs Ende der Welt ist kurz vor der Landung, wenn der Flieger im Sinkflug über den Hochhäusern steht. Häuser, Häuser, Häuser, Häuser. Egal, ob man rechts oder links rausguckt: Diese Wüste reicht bis zum Horizont. São Paulo ist Uruk ist Gotham ist Babel. Kein Grün, kein Gott. Die Flüsse, die durch die Stadt führen, sind seit Jahrzehnten biologisch tot, dieser gigantische Blick von oben ist eine der wenigen touristischen Attraktionen, die sie zu bieten hat - vom blitzneuen Fußballstadion vielleicht abgesehen, wo in zwei Wochen die Weltmeisterschaft eröffnet werden soll.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwanzig Millionen Einwohner hat die Metropole São Paulo, rund ein Viertel der Paulistanos sind obdachlos. Es gibt also noch lange nicht genügend Hochhäuser hier. Behauptet jedenfalls die MTST, die „Bewegung obdachloser Arbeiter“, die derzeit mit Demonstrationen und Streiks den Straßenverkehr noch lahmer legt, als er sowieso schon ist. Umgerechnet 33 Millionen Euro hat die Arena São Paulo den Staat gekostet, noch sind nicht mal alle Tribünen technisch freigegeben, wie viele Wohnungen hätten stattdessen gebaut werden können?

          In der Favela Heliópolis

          Die Anzahl berittener Polizisten im Stadtbild wird bis zum Anpfiff noch steigen, die Kleinkriminalitätsrate soll sinken. Rund ums Stadion hat die MTST eine Zeltstadt errichtet, 4000 Familien sind da untergebracht, sie rechnen damit, bis zum 12. Juni geräumt zu sein. Inzwischen spricht man amtlich von nur noch 1000 Demonstranten, auch gibt es offiziell nur 700 000 Obdachlose. Die rund 120 000 Menschen aus Heliópolis, zehn Quadratkilometer, die größte Favela Brasiliens, wurden dabei nicht mitgezählt, die haben ja, zum Teil wenigstens, sogar Strom und Wasser.

          Groß die Kontrabässe, klein die angehenden Virtuosen

          Uns empfiehlt man, im Kiez zu bleiben, rund ums Hotel sei es sicher. Pässe und Geld im Safe lassen, nicht allein, schon gar nicht nachts herumlaufen. Nicht mal die Einheimischen laufen ja nachts alleine herum. Doch die 130 Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, die mich als Maskottchen im Gepäck mitführen, haben sowieso keine Zeit, sich ausrauben zu lassen. Anflug, Probe, Konzert, Probe, Konzert, Abflug, das war es schon. Fast. Am frühen Morgen des Abreisetags steigen 17 der 130 - drei Mal Horn, zwei Mal Geige, zwei Mal Cello, zwei Mal Kontrabass, zwei Mal Posaune, außerdem Bratsche, Flöte, Oboe, Tuba, Trompete, Pauke - in einen Bus, der uns nach Heliópolis bringt.

          Musikschule hinter Maschendraht

          Eine Favela ist nicht folkloretauglich. Das Viertel ist illegal, aber die Armut versteckt sich, sie wird verbarrikadiert. Selbst noch geringste Schatten von Besitz müssen verteidigt werden. Obststände, Imbissbuden, umwickelt mit Stacheldraht. Alles wird übermannshoch eingezäunt, selbst die letzte Bruchbude ist noch mit Metallstangen abgesichert. Und schrecklich und schön zugleich ist es, wie ernst und fein die Kinder sich herausgeputzt haben, lackierte Nägel, bunte Schleifen, die uns im Instituto Baccarelli, mitten in Heliópolis, auf der von Maschendraht geschützten Terrasse mit Liedern und Tänzen und einer zünftigen Blasmusikbanda begrüßen.

          In der Horn-Klasse mit Carsten Duffin

          Auch diese Musikschule hat einen übermannshohen Zaun rundherum und eine Personenschleuse. Als sie 1996, nach dem großen Favela-Brand, von dem Dirigenten Silvio Baccarelli gegründet wurde, kamen 36 Kinder. Heute werden hier täglich 1300 unterrichtet, in zwei Häusern, was nur möglich ist, weil es treue Sponsoren gibt, in Brasilien, aber auch im Ausland, ein Ölkonzern, ein Autofabrikant.

          Die Fahrkarte raus aus der Favela

          Die jüngsten Schüler sind vier, dann geht es aufwärts bis Mitte zwanzig. Es gibt 12 Klassen am Institut, 20 Chöre, 4 Orchester. Unterrichtet werden vor allem Instrumente, die in der europäischen Symphonik gebraucht werden. Beeindruckend der Instrumentenschlafsaal im zweiten Stock, das „Archivo“, wo all die Celli und Bässe aufbewahrt werden. Mit „nach Hause“ nehmen? Unmöglich. Der Vater im Knast, die Mutter auf Droge, da kann man schon froh sein, wenn die Kinder unversehrt wieder den Weg zurückfinden in die Schule.

          Romantisch betrachtet sollte für jedes Kind, jeden Jugendlichen, die hier täglich zum Üben herkommen, das Instrument der beste Freund werden. Bei Licht besehen ist es wohl eher ihre Fahrkarte für den Weg raus aus der Favela.

          Das Orchester für die Mittelstufe, für den hoffentlich eines Tages professionellen Nachwuchs, heißt „Orchestra do Amanhã“, Orchester für morgen. Das Elite-Orchester für die Großen, die bereits mit ihrem Instrument ihren Lebensunterhalt verdienen, heißt „Orchestra Sinfônica Heliópolis“. Es gastiert in allen Konzertsälen Brasiliens. Vor vier Jahren ging es erstmals auf Europatournee. Seit Zubin Mehta vorbeischaute und hier im Keller die Fünfte von Beethoven dirigierte, heißt dieser verwinkelte Raum mit der niedrigen Decke, die den Schall staucht: „Sala Zubin Mehta“.

          „Don't fall out of the music“

          Hier, im Keller, unterrichtet Raymond Curfs, Solopauker aus München. Zart geht es da zu. Zärtlich. Es kommt auf Zehntelsekunden an, weich muss der Arm fallen, wie von allein, das kostet Kraft. Die fünf jungen Perkussionisten in spe lächeln nicht ein einziges Mal. Auch zwei Treppen höher, ein Haus weiter, wo sich Solocellist Sebastian Klinger den dritten Satz aus Haydns C-Dur-Konzert vorführen lässt, geht es blutig ernst zu. Der Schüler, er heißt Erick, ist 14, hoch begabt und einer von diesen Superehrgeizigen, die sich zu Tode üben und verzweifeln, weil sie viel zu schnell zu viel von sich wollen. Klinger bleibt cool. Er tröstet nicht. Stur wie Mary Poppins verschreibt er eine Portion Temporeduktion, zur Kontrolle. Und einen Löffel Geduld. Und: Weiterüben. Na? Ein Lächeln, ein Nicken. Wird schon. „Don’t fall out of the music“, ruft Solotrompeter Hannes Läubin seinem Schützling Rafael zu, der schmettert zwar nur glänzende Skalen, aber auch so eine Übung braucht Form & Idea, Rhythm & Blues. Und viel Luft.

          Luft ist das Wichtigste bei einem Blasinstrument. Erst aus Luft entsteht Gesang, erst aus dem Atem kann so etwas wie eine Melodie aufblühen. „More air, less tongue“, sagt Tubaspieler Stefan Tischler immer wieder gebetsmühlenartig mitten ins Stück hinein bei seinen beiden Jungtubisten, Deivid und Diego, die vor Anstrengung oder vor Aufregung zu Salzsäulen erstarrt sind und das Atmen anfangs beinahe ganz eingestellt haben.

          Eine Schülerin der Kontrabass-Klasse am Instituto Baccarelli

          Nebenan, in den winzigen Zimmern, wo die hübschen kleinen Kontrabassistinnen getriezt werden, von Alexandra Scott und Philipp Stubenrauch, ist die Luft inzwischen elektrisiert, sie knistert. Einen guten Schritt weiter ist die Flötistin Natalie Schwaabe. Sie muss diesem finger- und atemtechnisch schon sehr guten jungen Mann nur noch unbedingt zeigen, wie er sich den Platz, den er in der Realität, in der Enge dieses Zimmers (und sowieso in diesem engen, kleinen Lebensalltag am Ende der Welt) nicht hat, selbst erobern muss. Weit breitet sie die Arme aus. Noch weiter. Musik entsteht im Kopf. Er soll sich diese unendliche Weite vorstellen in Ravels „Daphnis et Chloé“, etwas Offenes, Grünes, Himmel, damit sein Flötenklang selbständig wird, reif und rund und dunkel, über das imaginäre Orchester hinwegträgt und fliegt und blüht. „Tell me the story!“, ruft Schwaabe. Beim dritten Versuch ist plötzlich ein Ton da, den der Jüngling selbst noch nie zuvor gehört hat. Er wundert sich. Alle müssen lachen.

          Es finden öfters solche „Masterclasses“ statt in Heliópolis. Fast jedes Profiorchester aus Amerika oder Europa, das auf Tournee nach São Paulo kommt, schickt dazu ein paar Freiwillige her. So entsteht ein Netzwerk aus Bekanntschaften, Stipendien werden möglich, Hospitanzen, Empfehlungen. An sich unterscheidet sich also der Musikunterricht, der hier erteilt wird, auch nicht von dem anderswo, nur eben in diesem einen Punkt: Weil die Ressourcen Zeit und Geld in Gotham City unerhört kostbar sind und weil die Jugend hier schneller vorbei ist, wird auch mit dieser unerhörten Turbointensität geschuftet, geübt, geprobt. Das hat etwas Bitteres, Verzweifeltes. Aber zugleich auch etwas Wärmendes, Anfeuerndes, Ansteckendes. Schön und schrecklich, zu gleichen Teilen.

          Ob Musik die Menschen besser macht; ob sie Gemüter und Verhältnisse beeinflussen, gar Frieden schaffen kann, das ist dabei gar nicht die Frage. Darüber sollen die Politiker reden, die solche und ähnliche Musiksozialprojekte, in Venezuela oder in Ramallah, für ihr Prestige benützen. Für jeden Einzelnen, der hier lernt, ist die Musik zunächst nur das Ticket für den sozialen Aufstieg. Das ist schon alles.

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