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Beethoven in Russland : Vom Zaren gefördert, von Lenin geliebt, von Stalin gefeiert

  • -Aktualisiert am

Lenin hört Beethoven: Zeichnung von Pjotr Wassiljew Bild: INTERFOTO

Russland ist seit zwei Jahrhunderten ohne Unterbrechung eine Hochburg der europäischen Beethoven-Pflege. Seine Musik war in Russland immer auch politisch.

          4 Min.

          Die Musik Beethovens ist ohne ihr russisches Echo schwer vorstellbar. Der Komponist, der mit den Ideen der Französischen Revolution sympathisierte – und später für die Musikkultur des jungen Sowjetstaates Kultstatus erlangte –, wurde zu Lebzeiten von russischen Aristokraten großzügig gefördert. Einer seiner ersten Mäzene war der russische Botschafter in Wien, Graf Andrej Kirillowitsch Rasumowski (1752 bis 1836), selbst ein ausgezeichneter Amateurgeiger, für den Beethoven 1806 die drei Streichquartette op.59 verfasste. Russisch ist auch ihr musikalisches Material, so die klagende russische Volksweise („Talan ty moi talan“, zu Deutsch: Du mein Schicksal), die der Finalsatz des ersten Quartetts dieser Trias, allerdings tänzerisch flott, anstimmt, oder das „Slawa“-Gotteslob, das im Scherzo des zweiten Rasumowski-Quartetts kontrapunktisch befragt wird.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch schon zuvor, im Jahr 1802 hatte Beethoven drei Sonaten für Violine und Klavier op. 30 dem jungen Zaren Alexander I. gewidmet, dessen umfassende Reformpläne dem Musiker imponiert haben dürften. Dass Alexander Geige spielte, wird sein Botschafter Beethoven berichtet haben. Nach dem Sieg über Napoleon, als Europas Herrscher beim Wiener Kongress zusammentrafen, um den Kontinent neu zu ordnen, konnte Beethoven Alexander I. persönlich begegnen. Wir wissen, dass die höchst musikalische Zarin Elisaweta Alexejewna (eine geborene Prinzessin von Baden) in der Zeit in Wien eine Vorstellung des „Fidelio“ besuchte und den Komponisten für die ihrem Gatten gewidmeten Sonaten fürstlich entlohnte. Beethoven widmete ihr damals die C-Dur Polonaise für Klavier op. 89 – die sie ebenfalls üppig honorierte –, und man kann annehmen, dass darin auch eine Anspielung auf die Teilung Polens enthalten war.

          Uraufführung als konzertante katholische Messe

          Der dritte wichtige russische Förderer Beethovens war Fürst Nikolaj Borisowitsch Golizyn (1794 bis 1866), den er nie persönlich kennenlernte, der ihn aber durch sein Schreiben 1822 dazu brachte, nach dreizehnjähriger Pause wieder Streichquartette zu verfassen. Im Auftrag Golizyns, der selbst ein professioneller konzertierender Cellist war, entstanden die späten Quartette op.127, op. 132 und op. 130. Golizyn bewunderte Beethovens philosophische Tiefe und ermaß, wie sehr der manchen Zeitgenossen als „verrückt“ geltende Künstler seiner Zeit voraus war. Der Fürst propagierte Beethovens Werk in den Musiksalons und arrangierte viele seiner Stücke fürs Streichquartett. 1824 organisierte er in Sankt Petersburg die Uraufführung der Missa solemnis, die einzige vollständige Aufführung zu Lebzeiten des Komponisten, gleichsam als konzertante katholische Messe.

          Das war auch ein Akt der Freigeisterei des kunstsinnigen Golizyn, den wohl schon damals die Übereinstimmungen zwischen westlicher und östlicher Kirche umtrieben, die zu ihrer Wiedervereinigung hätten führen können. Viel später, 1858, widmete er dem Thema eine idealistische Abhandlung, die in Berlin auf Russisch, aber anonym erschien. Doch Golizyn wurde schnell als Autor identifiziert und mit dem Kirchenbann bedroht. Er musste schriftlich bereuen und eine Weile wie ein Verbannter unter Polizeiaufsicht auf seinem Landgut leben.

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