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Zum Tod von Andrej Hoteev : Russischer Quellgeist

Andrej Iwanowitsch Hoteev (1946 bis 2021), hier in Hamburg 2006 Bild: Christian Geisler

Er deckte schlimmste Verfälschungen im Notentext von Tschaikowskys Klavierkonzerten auf und erweckte in Anja Silja die Liebe zum russischen Lied: Jetzt ist der Pianist Andrej Hoteev mit 74 Jahren gestorben.

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          Wenn man heute entdeckte, dass Johann Wolfgang Goethes „Faust“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“ ausschließlich in korrumpierten Ausgaben verbreitet wären, die von den Verfassern nicht autorisiert worden sind und in gravierenden Details von den Intentionen ihrer Schöpfer abwichen, so wäre das ein philologischer Skandal. In der Musik gibt es einen solchen: das erste Klavierkonzert b-Moll op. 23 von Peter Tschaikowsky.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der russische Pianist Andrej Hoteev, geboren am 2. Dezember 1946 in Leningrad, deckte ihn in geduldiger Forschungsarbeit an den Originalquellen auf: Das, was heute in aller Welt als „Hymne der Virtuosen“ unter dem Namen Tschaikowskys aufgeführt wird, ist die dritte Redaktion des Werks, die ohne Zustimmung des Autors vom Pianisten Alexander Siloti und dem Verleger Peter Jürgenson 1888 vorgenommen wurde. Sie weicht in rund 250, zum Teil schwerwiegenden Einzelheiten – von Tempoangaben bis zu einer Kürzung von siebzehn Takten – vom Original ab, an welchem der Komponist selbst bei Konzerten als Dirigent mit der Pianistin Adele aus der Ohe bis kurz vor seinem Tod festgehalten hatte. Hoteev, sanft und selbstlos, konnte seine Erkenntnisse exakt belegen. Dennoch fand sich kein Verlag, um daraus eine kritische Edition aller Tschaikowsky-Konzerte zu machen (denn auch das zweite und dritte Konzert sind editorisch verwüstet und verfälscht worden).

          Immerhin war es Hoteev gelungen, beim Label Koch-Schwann eine Gesamtaufnahme der fünf Werke für Klavier und Orchester zusammen mit dem Moskauer Tschaikowsky-Symphonie-Orchester und dem Dirigenten Wladimir Fedossejew herauszubringen. Was sonst als „Originalversion“ auf dem Markt verkauft wird, ist meistens die „zweite Redaktion“ des Konzerts von 1879, aber nicht Tschaikowskys Original.

          Ausgebildet bei Lew Naumow in Leningrad, stark geprägt durch Swjatoslaw Richter, kam Hoteev Anfang der neunziger Jahre in den Westen und lebte in der Nähe von Hamburg. Seine Aufnahmen der Klavierwerke von Mussorgski oder des Liedschaffens von Richard Wagner stützen sich erneut auf eigenständige Quellenarbeit. Er gewann Anja Silja dafür, russische Lieder von Sergej Rachmaninow zu singen und Melodramen nach Iwan Turgenjew von Anton Arensky aufzuführen. Wie seine Frau, die Pianistin Olga Hoteeva, nun mitteilt, ist Andrej Iwanowitsch Hoteev schon am 28. November nach schwerer Krankheit kurz vor seinem 75. Geburtstag gestorben.

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