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Nowosibirsker Oper vor Gericht : Jesus im Reich der Liebesgöttin

Anstoß des bischöflichen Ärgernisses: Tannhäuser verwandelt sich in eine Filmfigur – Jesus und trägt das Kreuz in die Venusgrotte. Bild: Viktor Dmitriev

Der Bischof von Nowosibirsk verklagt das dortige Opernhaus samt Regisseur. Der Grund: eine angeblich blasphemische Inszenierung von Wagners „Tannhäuser“. Andere Geistliche stehen auf Seiten der Oper.

          Der Bischof von Russlands asiatischer Industriemetropole Nowosibirsk, Tichon, hat das dortige Opernhaus wegen einer angeblich blasphemischen Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“ verklagt. Der junge Nowosibirsker Regisseur Timofej Kuljabin, eine Rakete am russischen Theaterhimmel, hatte Ende vergangenen Jahres eine vielbeachtete „Tannhäuser“-Produktion herausgebracht, worin er Wagners Minnesängerstreit zum Kinofestival aktualisiert, an dem der Titelheld mit einem Film über eine wild apokryphe Lebensphase von Jesus Christus im Venusberg teilnimmt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dafür verwandelt Kuljabin im Mittelakt Tannhäuser in eine Filmfigur - als Jesus kostet er im Reich der Liebesgöttin alle Sinnenfreuden, begreift aber auch seine tragische Berufung in der leidvollen Welt. Doch Bischof Tichon erklärte vor der Staatsanwaltschaft, dass Jesus mit der Liebesgöttin auftrete und ein Kreuz in die Venusgrotte getragen werde, sei sittenwidrig und gefährde die öffentliche Moral. Die Strafverfolger leiteten ein zivilrechtliches Verfahren gegen den Regisseur sowie gegen Operndirektor Boris Mesdritsch ein, beiden droht eine Geldstrafe oder Arbeitsdienst.

          Unfähig zum Dialog

          Der Prozess ist ein Präzedenzfall. Der Dirigent Wladimir Jurowski, der in Moskau das staatliche Symphonieorchester leitet, mahnte, ein Theater sei kein Kultraum, Kunst könne sich nicht Dogmen beugen, und appellierte an die Nowosibirsker Staatsanwaltschaft, das Verfahren einzustellen. Zugleich bedauert Jurowski die immer aggressivere Stimmung im Land und bittet die sibirischen Gläubigen, zum zivilisierten Dialog zurückzukehren.

          Schützenhilfe erhält er vom hochgelehrten Moskauer Diakon Andrej Kurajew, der Kuljabins Inszenierung christlichen Geist attestiert und ebenfalls davor warnt, künstlerische Ideen dogmatisch aufzufassen. Den Vorstoß von Bischof Tichon, der aus einfachen Verhältnissen stamme und der Bildungsdefizite stets durch Denunziantendienste wettgemacht habe, hält Kurajew aber auch für folgerichtig. Der Moskauer Priester Alexander Borissow ist überzeugt, Kuljabin habe niemanden beleidigen wollen. Die Szene im Venusberg zeige vielmehr, dass Christus auch durch Orgien und Geschmacklosigkeit gekreuzigt werde. Viele orthodox Gläubige seien aber noch unfähig zum Dialog, so der Geistliche, sie müssten erst lernen, eigene Standpunkte zu formulieren.

          Vater Alexander hofft, der Streit um den „Tannhäuser“ könne eine christliche Debattenkultur über Kunst entfachen. Doch das Nowosibirsker Beispiel macht schon Schule. Im udmurtischen Ischewsk beschwerte sich ein Priester über die Bühnenversion von Puschkins „Schneesturm“ am dortigen Theater, weil darin ein trunksüchtiger und korrupter Bühnenkollege auftritt. Das satirische Bild des Gottesmannes, so der Kläger, verletze seine religiösen Gefühle zutiefst.

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