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Musik der Revolutionszeit : Das Leben wird besser und fröhlicher, Genossen

Komm zu uns in die Kolchose: Sänger des Pokrowski-Ensemble Bild: Juris Vulis

Lenin lesen lernen: Wladimir Jurowski und Igor Dronow dirigieren unbekannte Musik der russischen Revolution. Wie das klingt, lesen Sie hier.

          Dass die kommunistische Revolution vor hundert Jahren nicht, wie von Marx prophezeit, in einem entwickelten Staat, sondern im agrarischen Russland siegte, hat tragische Folgen programmiert. Die Bolschewiken betrachteten die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit als Träger eines kleinbürgerlichen Bewusstseins, weshalb sie schnellstmöglich zu neuen sozialistischen Menschen umzuschmieden war. Da Kulturgeschichte von Siegern geschrieben wird, haben sich kaum künstlerische Zeugnisse von den Betroffenen erhalten. Zum Revolutionsjubiläum, da der russische Staat und die Kirche vor allem des ermordeten Zaren und der christlichen Opfer gedenken, wollten der Leiter des Zentrums für zeitgenössische Musik am Moskauer Konservatorium, Wladimir Tarnopolski, und der Leiter des österreichischen Kulturforums, Simon Mraz, das Versäumnis nachholen und das historische Drama aus der Sicht des Dorfes vergegenwärtigen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das vielleicht ehrlichste und in seiner musikalischen Sprache originellste Werk zum Thema stammt von dem Avantgardisten Alexander Mossolow (1900 bis 1971), der 1937 ins Straflager kam, aus dem er als gebrochener Mann zurückkehrte, und dessen brillantes Frühwerk in Russland allmählich wiederentdeckt wird. 1930, als die Kollektivierung der Landwirtschaft im vollen Gang war, widmete Mossolow Lenins Elektrifizierungsplan die Oper „Der Staudamm“ (Plotina), in der ein Dorf zur Wasserkraftgewinnung geflutet werden soll. Mit konstruktivistischen Maschinenklängen bringen Ingenieure, Komsomolzen, Proletarier den Fortschritt zu den widerstrebenden Bauern, die durch langgezogene Folkloremelodielinien charakterisiert sind. Doch das komplexe Werk, in dem der Damm am Ende bricht, wurde verboten. Erst vor fünf Jahren kamen einige Fragmente in Petersburg zur Uraufführung.

          Wo fesche Parteikader Bauernmädchen aus Werken Lenins vorlesen

          Ersatzweise eröffnete das Ensemble Studio für neue Musik unter Igor Dronow jetzt im Rahmen des Festivals „Moskauer Herbst“ einen dem revolutionären Trauma gewidmeten Konzertabend mit einem anderen Werk von Mossolow. Das 1926 entstandene Orchesterstück „Die Traktorenbrigade fährt in die Kolchose ein“ beginnt mit lyrischen Flöten- und Cellomotiven, die durch frivole Glissandi ironisiert werden, bevor die Blechbläser in stetig steigendem Tempo und Lautstärke Revolutionslieder variieren, was die Streicher durch mechanisch kreisende Sekundwellen untermalen. Das Ensemble spielt auch Mossolows Hit, das „Eisenwalzwerk“, eine ebenso brutalistisch wie raffiniert instrumentalisierte Apotheose der Industrialisierung. Wie symphonische Instrumente in Ostinatobewegungen rotierende Räder, stampfende Kolben, heulende Sirenen beschwören, das huldigt der Technik, als sei sie ein majestätisch bedrohliches Ungeheuer.

          Originalzeugnisse aus dem Volk konnte dann jedoch das Pokrowski-Folkloregesangsensemble präsentieren, deren Angehörige auf Expeditionen in die russische Provinz frühsowjetisches Liedgut gesammelt haben. Aus der Gegend um Kostroma stammt der freche, von einer Ziehharmonika begleitete Tschastuschka-Wechselgesang, bei dem bald eine durchdringende Frauen-, bald eine Männerstimme von ihrer Kolchose schwärmen, wo für dickbäuchige Kulaken kein Platz sei und wo fesche junge Parteikader Bauernmädchen aus den Werken Lenins vorlesen. Im Belgoroder Gebiet entstand das herzzerreißende, karg-schön harmonisierte geistliche Chorlied, in dem der vor seinem Kreuzestod von seinen Jüngern scheidende Christus diesen ein Verlöschen des Glaubens und blutigen Bruderkrieg voraussagt.

          Der Kommunismus ist jetzt wirklich tot

          Das Pokrowski-Ensemble intonierte auch die Kantate „Wind“ (Weter), die der Nachkiegsavantgardist Alexander Wustin nach Texten des Revolutionspoems „Die Zwölf“ von Alexander Blok für diese Sänger komponierte. Das herb und trocken, mit viel Schlagzeug und Blech instrumentierte Werk vergegenwärtigt durch Pfeifglissandi, Glocken und Paukenschläge die entfesselten Elemente. Die Vokalisten kommentieren das als rezitativischer Chor, der sich zum polyphonen Stimmengewirr ballt, aus dem hier und da lyrische Sopranphrasen heraustreten, der aber schließlich unter anschwellendem Schlagzeugtrommelfeuer in Marschrhythmus fällt.

          Dass eine Revolution wie ein Erdrutsch ist, davon kündete das ihr gewidmete Stück „Riss“ des 35 Jahre alten österreichischen Komponisten Alexander Kaiser, das in Moskau uraufgeführt wurde. Subtile Instrumentalklänge, elektronisches Geräusch, Posaunen- und Schlagzeugsignale durchdringen sich, um wieder auseinanderzufallen.

          Das grandiose Revolutionsgemälde entfaltete dann Wladimir Jurowski mit dem Swetlanow-Orchester im großen Saal des Konservatoriums. Dmitri Schostakowitschs zweite Symphonie, die der Komponist 1927 „dem Oktober“ widmete, kombiniert einen extrem experimentellen Orchestersatz mit plakativem Chorfinale. Im Instrumentalteil verflechten sich die Stimmen polyphon, oft ohne tonale Bindung, was auch das unbewusste Gären der Massen schildern soll, für den Einsatz einer Sirene hatte Schostakowitsch den Techno-Sound einer Fabrik studiert. Doch das Schlusswort spricht ein Dur-Hymnus an Lenin.

          Das Paradestück ist freilich die Kantate zum zwanzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution von Sergej Prokofjew, mit der sich der soeben nach Russland heimgekehrte Komponist just während der großen Säuberungen als staatstragender Künstler etablieren wollte. Das Werk für zwei Chöre, ein Symphonie-, ein Militär-, ein Akkordeon- und ein Perkussionsorchester, das Texte von Marx, Lenin und Stalin teils wie religiöse Psalmodien vertont, entwaffnet durch die einzigartige Mischung aus Naivität, Zynismus und Theaterinstinkt seines Schöpfers. Auf die dräuende instrumentale Introduktion, die das Gespenst des Kommunismus hörbar macht, folgt eine effektvolle Fuge über die Marx-These, die Philosophen hätten die Welt interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Die Männerstimmen des fabelhaften Sweschnikow-Chors, die im sarkastischen Rezitativ die Philosophen zitieren, werden alsbald umschlungen von einer Choralparodie der Veränderungen fordernden Frauen. Dass dann offiziöse Prosa von Lenin und Stalin erklingt, empfanden die Zensoren als Lästerung, die Kanonenschüsse und Pistolensalven wirkten rebellisch-formalistisch, so dass die Kantate zu Prokofjews Lebzeiten nicht aufgeführt werden konnte. Der jetzige Jubel über die mit Matrosenmützen und roten Kopftüchern auftretenden Musiker beweist auch, dass der Kommunismus wirklich tot ist.

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