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Orchestertreffen in Hamm : Im Berg tanzen die Geister der Industrie

Bild: russisch-Deutsche Akademie

Sonnenaufgang mit Trompeten und Beckenschall: Frank Beermann eröffnet mit der Nordwestdeutschen Philharmonie und dem Ural-Jugendorchester den „KlassikSommer“ in Hamm.

          Wie verteidigt man Ausgaben für die Hochkultur in einem sozialen Umfeld, wo schon manchmal ein Symphonieorchester gegen fehlende Kita-Plätze aufgerechnet wird? Den Dirigenten Frank Beermann, der mit der Nordwestdeutschen Philharmonie gegen große Widerstände, aber auch mit großem Erfolg Wagners „Ring des Nibelungen“ in Minden herausbrachte – und in diesem Herbst erstmals als Tetralogie darbieten wird –, scheint eine solche Situation vor allem herauszufordern. Für das Konzert, mit dem Beermann im westfälischen Hamm jetzt das Festival „KlassikSommer“ eröffnete, hatte er die Nordwestdeutsche Philharmonie noch um das Ural-Jugendorchester aus dem russischen Jekaterinburg verstärkt, um die gigantische „Alpensinfonie“ von Richard Strauss aufzuführen. Das von der LWL-Kulturstiftung und den „Russian Seasons“ geförderte Programm, das außerdem in Herford und Paderborn zu erleben war, umfasste ferner Sergej Rachmaninows späte Rhapsodie über ein Thema von Paganini sowie das instrumentaltheatralische neue Orchesterstück „In the Hall of the Mountain . . .“ von der Jekaterinburger Komponistin Olga Victorova, das effektvoll die Dämonen der Montanindustrie beschwört.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der eigens geschaffene Klangkörper krönte zugleich eine Russisch-Deutsche MusikAkademie, in deren Rahmen Beermann zuvor mit Stimmführern des NRW-Orchesters in Jekaterinburg Vorproben veranstaltet hatte. Der leidenschaftliche Biss im Spiel der finanziell weitaus schlechter gestellten Russen, aber auch ihr Bewusstsein vom Wert der Musik hätten dabei auf die deutschen Kollegen wie eine Frischzellenkur gewirkt, freut sich Beermann. Die Geigerin und Konzertmeisterin des Ural-Jugendorchesters, Olga Fedotjewa, begeistert sich ihrerseits dafür, wie Beermann die Klänge von Strauss’ Partitur durch Bilder oder körperliche Empfindungen erkläre. Wenn er etwa in aufsteigenden Figuren angstlosen Elan und dann auf einmal Furcht mitschwingen lassen wolle. Oder wie er die Instrumentalisten anhalte, zugleich piano und raumfüllend zu artikulieren und so gleichsam Wolken oder Nebel darzustellen.

          Furchterregender Humor

          Die in der Ostukraine geborene Victorova schreibt energiegeladene, polystilistische, oft filmische Musik mit markanter Rhythmik. Ihr von Edvard Griegs „Trollkönig“ affiziertes Werk versetzt gleichsam in geschäftige Erzgruben, die für die Uralregion so wichtig sind und es für das Ruhrgebiet lange waren. Das Stimmen der Orchesterinstrumente in der riesigen Alfred-Fischer-Halle verwandelt sich unvermittelt in eine langgezogene Tutti-Explosion im fortissimo, die überleitet in eine prächtige Arbeitstanzmusik. Gellende Blechbläser, Streicherglissandi, mechanisch kreisende Geigenlinien übersetzen den Sound der Schwerindustrie in einen schillernden Orchestersatz. Eine ganze Batterie von Schlaginstrumenten, die komplexe synkopische Motive in immer neuen perkussiven Timbres variiert, verleiht dem Stück jazzigen, aber auch furchterregenden Humor und eine suggestive Raumwirkung. Im Finale erheben sich die Musiker als schwankendes, Urlaute ausstoßendes Kollektiv, als meldeten sich die Naturgeister mit ihrem Kommentar zur Ressourcenausbeutung.

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