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Ruhrtriennale : Symphoniker ziehen vorbei

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Markantes Profil von Zerrissenheit: Dale Duesing als Moses Bild: ddp

Vermittlungswunder: Unter Willy Deckers Regie wird Schönbergs erkenntnistheoretische Grübel-Oper „Moses und Aron“ zur Eröffnung der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zum märchenhaften Spannungstheater.

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          Als Moses am Anfang vor dem sprechenden Dornbusch steht und den ewigen, unvorstellbaren und unsichtbaren Gott anruft oder vielmehr ja angerufen wird, da sind auch die Bochumer Symphoniker vollkommen unsichtbar. Nur den Dirigenten Michael Boder sieht man auf Bildschirmen. Das Publikum sitzt sich auf hohen Tribünen gegenüber, die Wolfgang Gussmann als grauen Riesenraum in die gewaltige Jahrhunderthalle hineingebaut hat.

          Man kann also das Orchester hören, ein Klavier spielt, auf Haltetönen der Holzbläser, die Reihe aus zwölf Tönen, aus denen musikalisch jetzt alles Weitere folgt; doch sehen kann man die Symphoniker erst, als sich die Tribünen leicht ruckelnd auseinanderbewegen. Nun tut sich eine denkbar schlichte Spielfläche auf, die den Raum bildet für das große Streitgespräch der ungleichen Brüder Moses und Aron, vor allem für die gesanglich, darstellerisch und choreographisch unerhörten Auftritte des „ChorWerk Ruhr“, das hier das Volk der Hebräer ist. Wie die überwiegend jugendlichen Choristen Schönbergs enorme Anforderungen erfüllen – und dabei mit vollem Körpereinsatz spielen können, bis an die Gewaltgrenze, bleibt ein Rätsel und eine Sensation.

          Tumult und Aufruhr

          Sie ballen sich zu Chormenschenklumpen, zerstreuen sich explosionsartig im Raum, und sie schaffen, was sonst in der Oper fast immer misslingt: echten Tumult zu machen. Die Jahrhunderthalle in Bochum ist aber keine Oper, und Schönbergs sehr zum Oratorium neigender Riesentorso ist es auch nicht. Und wenn sich dieses Chor-Volk, jeder einzelne ganz anders in Grau angezogen, betrogen fühlt, weil es den neuen Gott, den Moses verkündet, nicht sehen und nicht anfassen kann, dann ist Aufruhr. Kein Wunder, dass Moses dieses Volk latent unheimlich ist. Dale Duesing, mit graubärtigem Charakterkopf, gibt diesem Mann Gottes ein markantes Profil von Zerrissenheit: er ist sich wohl seiner Sache, nicht aber seiner Mittel sicher: „Ich kann denken, aber nicht reden.“

          In Wahrheit kann er es doch, kein Wort von Moses’ wie in Stein gemeißeltem Sprechgesang geht in der Halle verloren und braucht auch keine Übertitel. Im Stück aber braucht der Prophet Moses den Redner Aron, der dem Volk Israel das Ungeheuerliche erklärt: seine Auserwähltheit durch einen Gott, der ewig, einzig, unvorstellbar ist. Dem Volk aber, das ist bis heute so, ist die Reinheit des Gedankens schnuppe, es will Bilder und schöne Worte und am besten auch ein wenig Wunderzauber, um zu glauben. Dafür also ist Aron zuständig, den Andreas Conrad mit gesund glänzendem Heldentenor singt und dem man allenfalls und sozusagen opernkulinarisch noch ein wenig mehr Betörungsfarben hinzuwünschen würde. Doch dieser Bochumer Aron ist weniger ein Verzauberer und Volksverführer, mehr ein aufgeklärter Politiker, der eben weiß, was die Leute hören und vor allem sehen wollen. So senkt sich ein großer Gaze-Kubus aufs Volk, auf den sich allerhand Wunderdinge projizieren lassen, zum Beispiel züngelnde Schlangen. Huhu, fürchtet sich da das Volk und ist gleich zum Glauben bereit. Die in großer Zahl nach Bochum herbeichauffierten Volksvertreter und Kulturpolitiker nickten leise.

          O Wort, das mir fehlt

          Nicht um Liebe und Tod geht es in Schönbergs Schmerzenskind, sondern um Erkenntnis und Kunst und die Frage der Vermittlung: Wie nämlich der gute Gedanke sich verbreiten lässt, auch wenn er nicht griffig ist. Wie über der notwendigen Reduktion der Kern der Sache verlorengeht. Das ist für Bühnen-Moses zum Verzweifeln, so wie es für den Propheten der Zwölftonmusik zum Verzweifeln war, und es ist inzwischen die Kernfrage der Kultur, und wir sind heute nicht klüger als Schönberg, der keine musikalisch mögliche Antwort für den letzten Akt finden konnte und uns am Ende mit der Resignation des Moses alleinlässt: „O Wort, das mir fehlt!“

          Der regieführende Ruhrtriennale-Intendant Willy Decker zeigt, dass er weiß, dass er auch nicht weiter weiß als Schönberg-Moses. Doch er tut dies als ein gewiefter Theater-Aron, nämlich mit den Zaubertricks der Bühne. Es zielt auf Strenge, Ernst und Verständlichkeit, spielt aber so gekonnt mit Licht (Andreas Grüter), Raum, Bewegung, dass sich, momentweise, das Vermittlungswunder ereignet; Schönbergs erkenntnistheoretische Grübel-Oper als Spannungstheater. Weil das funktioniert, kann er sich auch die üblichen medien- oder sonst gegenwartskritischen Tänzchen ums Goldene Kalb sparen und zeigt Fleisch und Blut, dass Hermann Nitsch eine Freude hätte, aber sonst bloß ein weißes Plastik-Kalb, auf das die nackten Chormenschen malen dürfen, was ihnen fehlt, „Liebe“, steht da, und „Sinn“.

          Jetzt wird auch das Orchester ganz und gar sichtbar, ganz langsam setzt es sich in Bewegung und fährt zwischen den Tribünen hindurch, und am Ende ist es weg. Das ist ein schöner Effekt, fragmentiert aber das Hören: So wird das „Ganze“ auch da verweigert, wo Schönberg seine Partitur fertigkomponiert hat. Symphoniker ziehen vorbei, geschmeidig spielend, und werden – anders als in der ebenfalls bewegten Raum-Fassung von Zimmermanns „Soldaten“ bei der Ruhrtriennale 2006 – fast zur Nebensache. Aber dafür gibt es Schallplatten. In Bochum ist mehr zu erleben: ein paar Momente, an die man sich erinnern wird, wenn die Zeit der kulturellen Aufbrüche vielleicht schon ferne Vergangenheit ist, wo solche strengen Großprojekte mit viel Geld, Kunst und Verstand noch möglich waren, märchenhaft.

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