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Jelinek bei der Ruhrtriennale : Der Hund ist das Maß aller Dinge

„Musik ist Zeit, und die haben wir nicht mehr“: Caroline Peters, im Konzert von der atomaren Katastrophe überrascht, spricht mal kurz ohne Manuskript. Bild: Imago

Erst gibt es Insidergags für Klimaversteher, und dann sind alle tot: Philippe Manourys Musiktheater „Kein Licht“ nach Elfriede Jelinek in Duisburg ist trostlos. Für Frohsinn sorgt nur die Kulisse.

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          Auf den Hund muss man erst einmal kommen. Bei Elfriede Jelinek, in ihrem nachsintflutlichen Text „Kein Licht“, taucht er nämlich nur am Rande auf, wobei es eigentlich keinen Rand mehr gibt. Es ist schon alles untergegangen: der Rand, der Mensch, der Hund, die Welt. Überall Wasser, kein Strom mehr, Licht aus, alle strahlen, radioaktiv verseucht. Aber einer dieser namen- und geschlechtslosen Untergeher – in der neuen, jetzt uraufgeführten Musiktheaterversion von Philippe Manoury ist es die zauberhafte Mezzosopranistin Olivia Vermeulen – erinnert sich noch, dass man ja „die Hunde füttern“ müsse. Und so kommt der Regisseur Nicolas Stemann in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord gleich am Anfang auf den Hund: Cheeky hopst auf einen Wasserbehälter und singt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Cheeky ist eine Jack-Russell-Terrier-Hündin, trainiert von Karina Laproye. Sie grummelt, knurrt und jault zeitfenstergenau zur Begleitung des Solotrompeters von den „United Instruments of Lucilin“. Das Dirigat von Julien Leroy ist hier noch überflüssig. Und das Ergebnis klingt, als wäre ein Hund, der dringend mal sein Wasser abschlagen müsste, im Probenraum von Dizzy Gillespie eingesperrt worden. Denn die Musik von Manoury besteht entweder aus computergenerierten Zufallsklängen der Elektronik, vokalem Rankenwerk in der Manier von Alban Berg oder eben kammerorchestralem Bebop: Hipster-Jazz aus der Krabbelstubenzeit von Manoury und Jelinek.

          Cheeky, der Hund, wird bei Stemann zum running gag, also zum Maß aller Dinge, nachdem der Mensch, der einmal das Maß aller Dinge zu sein glaubte, alles vermurkst hat. Der Hund, griechisch kyon, als Maß aller Dinge – das ist Kynismus im ursprünglich antiken Sinn als Lebensanschauung der Bedürfnislosigkeit und des Luxusverzichts. Dieses Leben den Leuten von heute als Ausweg aus dem Klimaschlamassel vorzuschlagen erschiene den Künstlern in Duisburg wohl unrealistisch, zudem peinlich appellativ, irgendwie uncool, weltverbesserungskitschig. Denn Realisten sind sie schon, weshalb sie uns, wo es nur geht, die Unverbesserlichkeit der Welt und des Menschen vor Augen halten. Sich an der Unverbesserlichkeit zu weiden, um andern die Freude daran zu nehmen, das ist zynisch – die grinsende Resignation vor Verhältnissen, die nicht lebenswert sind.

          Jelinek beschreibt in ihrem Text eine Natur, die verrückt spielt und sich gegen die Zumutungen des Menschen wehrt. Dass sie sich auf die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 bezieht, muss einem gesagt werden; es steht nämlich nicht drin. Was drinsteht, sind zahlreiche Verweise auf das deutsche Kunstlied der Romantik, auf die „Winterreise“ oder „An eine Äolsharfe“ als Treibgut in einer chaotischen Sprachschwemme. Das vermag als poetisches Verfahren zu berühren: Müllreste von sinnlos gewordenem Sinn in einer Welt, die nirgends mehr Heimat bietet. Die Natur ist als Ausweg aus dem menschengemachten Unheil – Ludwig van Beethoven sprach seinerzeit von „Dreck“ – unbegehbar geworden.

          Fast eine Sprechrolle: In „Kein Licht“ geht es buchstäblich um des Pudels Kern.

          Doch die Adaption durch Stemann und Manoury beraubt den Text Jelineks seiner dichterischen Qualitäten. Übrig bleibt eine Comedyshow klimapolitischer Verzweiflung. Niels Bormann und Caroline Peters – zunächst Musiker in einem Konzert, dann Mitarbeiter der Betreiberfirma eines Atomkraftwerks, dann planschende Elementarteilchen im Wasserbassin – lesen sehr lebhaft den Text ab, den Stemann zusammengestrichen hat.

          An die Stelle der Verweise auf eine verlorene Kultur des Dialogs mit der Natur treten nun Anspielungen auf die Tagespolitik und den eigenen Kulturbetrieb: Die sprechende Puppe „Atomi“ muss flugs in den Sarg, „sonst hol’ ich Jürgen Trittin“. Das Ende der Atomenergie in Deutschland wird verkündet: „Wir steigen aus. Wir schaffen das. Äh, quatsch, wir lassen das.“ Und weil Deutschland zur Deckung seines eigenen Bedarfs Atomstrom aus Frankreich importiert, nutzt Stemann die Vorlage, um einem Berliner Regiekollegen, der an die Spitze des Deutsch-Französischen Kulturrates gerückt ist, gegen das Schienbein zu treten: „Wir nehmen euch die Atomenergie ab und geben euch dafür Thomas Ostermeier.“ Im Premierenpublikum sitzen genug Anspielungsversteher, die darüber lachen können.

          Johan Simons, der Intendant der Ruhrtriennale, wo diese Insider-Revue ihre Uraufführung erlebt, will, wie er kürzlich dem Deutschlandfunk gesagt hat, „Theater machen für Leute, die niemals ins Theater kommen“. Nun kommen im Ruhrgebiet besonders viele Leute ins Theater, aber außerhalb der Ruhrtriennale. Das Musical „Starlight Express“ in Bochum ist mit 441.623 Besuchern in der Saison 2015/16 die meistbesuchte Theaterproduktion in Deutschland gewesen. Das muss nicht das Maß aller Dinge sein, steht aber für eine Theaterkultur, die über die Bezugsgruppenbespaßung ihrer Funktionäre hinausgeht. Der Witz bei Stemann hingegen entfaltet in den meisten Fällen kein Sinngefüge, sondern bestärkt das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Clique von Durchblickern und Bescheidwissern.

          In den übrigen Fällen begnügt er sich mit Reflexen auf Schlüsselreize. Donald Trump taucht plötzlich auf mit seiner Frisur, die nach einer These der Simpsons ein Toupet aus einem Hund sein soll und die so emblematisch geworden ist wie das Hitlerbärtchen. Jelineks aktueller Trump-Text „Der Einzige, sein Eigentum (Hello darkness, my old friend)“ wurde für Duisburg rasch angestückt. „Theater muss aus der Geiselhaft der aktuellen Tagespolitik befreit sein“, sagt Stemann im Programmheft. Wer’s glaubt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Der Gesang von Christina Daletska, Lionel Peintre und Sarah Sun wird, wie der von Olivia Vermeulen, so schön er auch ist, eher zum Dekor als zum Medium von Theater. Wunderbar verspielten Frohsinn in all der Trostlosigkeit hält wenigstens die Bühne von Katrin Nottrodt bereit mit den zwei mittig getunnelten Wasserbällen (also Wasserkringeln), die wie riesige Tiefseequallen aussehen, aber natürlich Elementarteilchen darstellen sollen.

          Zum Schluss, wenn alle tot sind – „dann haben die, die das wollten, alles“, heißt es bei Jelinek –, trippelt Cheeky als Sieger im Endspiel schwänzelnd von der Bühne. Die Urmutter der Jack-Russell-Terrier im Jahre 1819 hörte übrigens auf den Namen „Trump“.

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