https://www.faz.net/-gqz-915zj

Jelinek bei der Ruhrtriennale : Der Hund ist das Maß aller Dinge

„Musik ist Zeit, und die haben wir nicht mehr“: Caroline Peters, im Konzert von der atomaren Katastrophe überrascht, spricht mal kurz ohne Manuskript. Bild: Imago

Erst gibt es Insidergags für Klimaversteher, und dann sind alle tot: Philippe Manourys Musiktheater „Kein Licht“ nach Elfriede Jelinek in Duisburg ist trostlos. Für Frohsinn sorgt nur die Kulisse.

          Auf den Hund muss man erst einmal kommen. Bei Elfriede Jelinek, in ihrem nachsintflutlichen Text „Kein Licht“, taucht er nämlich nur am Rande auf, wobei es eigentlich keinen Rand mehr gibt. Es ist schon alles untergegangen: der Rand, der Mensch, der Hund, die Welt. Überall Wasser, kein Strom mehr, Licht aus, alle strahlen, radioaktiv verseucht. Aber einer dieser namen- und geschlechtslosen Untergeher – in der neuen, jetzt uraufgeführten Musiktheaterversion von Philippe Manoury ist es die zauberhafte Mezzosopranistin Olivia Vermeulen – erinnert sich noch, dass man ja „die Hunde füttern“ müsse. Und so kommt der Regisseur Nicolas Stemann in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord gleich am Anfang auf den Hund: Cheeky hopst auf einen Wasserbehälter und singt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Cheeky ist eine Jack-Russell-Terrier-Hündin, trainiert von Karina Laproye. Sie grummelt, knurrt und jault zeitfenstergenau zur Begleitung des Solotrompeters von den „United Instruments of Lucilin“. Das Dirigat von Julien Leroy ist hier noch überflüssig. Und das Ergebnis klingt, als wäre ein Hund, der dringend mal sein Wasser abschlagen müsste, im Probenraum von Dizzy Gillespie eingesperrt worden. Denn die Musik von Manoury besteht entweder aus computergenerierten Zufallsklängen der Elektronik, vokalem Rankenwerk in der Manier von Alban Berg oder eben kammerorchestralem Bebop: Hipster-Jazz aus der Krabbelstubenzeit von Manoury und Jelinek.

          Cheeky, der Hund, wird bei Stemann zum running gag, also zum Maß aller Dinge, nachdem der Mensch, der einmal das Maß aller Dinge zu sein glaubte, alles vermurkst hat. Der Hund, griechisch kyon, als Maß aller Dinge – das ist Kynismus im ursprünglich antiken Sinn als Lebensanschauung der Bedürfnislosigkeit und des Luxusverzichts. Dieses Leben den Leuten von heute als Ausweg aus dem Klimaschlamassel vorzuschlagen erschiene den Künstlern in Duisburg wohl unrealistisch, zudem peinlich appellativ, irgendwie uncool, weltverbesserungskitschig. Denn Realisten sind sie schon, weshalb sie uns, wo es nur geht, die Unverbesserlichkeit der Welt und des Menschen vor Augen halten. Sich an der Unverbesserlichkeit zu weiden, um andern die Freude daran zu nehmen, das ist zynisch – die grinsende Resignation vor Verhältnissen, die nicht lebenswert sind.

          Jelinek beschreibt in ihrem Text eine Natur, die verrückt spielt und sich gegen die Zumutungen des Menschen wehrt. Dass sie sich auf die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 bezieht, muss einem gesagt werden; es steht nämlich nicht drin. Was drinsteht, sind zahlreiche Verweise auf das deutsche Kunstlied der Romantik, auf die „Winterreise“ oder „An eine Äolsharfe“ als Treibgut in einer chaotischen Sprachschwemme. Das vermag als poetisches Verfahren zu berühren: Müllreste von sinnlos gewordenem Sinn in einer Welt, die nirgends mehr Heimat bietet. Die Natur ist als Ausweg aus dem menschengemachten Unheil – Ludwig van Beethoven sprach seinerzeit von „Dreck“ – unbegehbar geworden.

          Weitere Themen

          Anspruchsvolle Mint-Fächer

          Hohe Abbruchrate : Anspruchsvolle Mint-Fächer

          Studenten aus dem Mint-Bereich fühlen sich oft überfordert und brechen ab. Das liegt auch an fehlenden Kenntnissen aus dem Schulunterricht. Könnten verpflichtende Vorkurse daran etwas ändern?

          Topmeldungen

          Erstes Zeitungsinterview : AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          In ihrem ersten Zeitungsinterview als Verteidigungsministerin spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über ihr Verhältnis zum Militär, über das Vermächtnis der Männer des 20. Juli und über den Lieblingspulli ihrer Teenagerzeit. Auch in kritischen Zeiten werde die Truppe ihr Vertrauen genießen.
          Freiherr von Boeselager sind humanitäre Missionen wichtiger als die prunkvollen Traditionen des Malteserordens. Deswegen ist er oft vor Ort, wie hier bei einem Schlafkrankheitspatienten im südsudanesischen Yei.

          FAZ Plus Artikel: Malteserorden : Der bescheidene Großkanzler

          Albrecht Freiherr von Boeselager führt den ehrwürdigen Malteserorden. Als Großkanzler bricht er mit der Tradition – damit der Orden besser helfen kann. Das macht ihm nicht nur Freunde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.