https://www.faz.net/-gqz-utw7

Royal Festival Hall : Ein goldenes Ei in betonierter Schachtel

  • -Aktualisiert am

In neuem Glanz: die Royal Festival Hall Bild: AP

Ein Konzertsaal für das einundzwanzigste Jahrhundert: Londons Royal Festival Hall ist restauriert worden. Vor allem die Akustik, die als die schlechteste in Europa galt, soll verbessert worden sein.

          3 Min.

          Als die Royal Festival Hall im Mai 1951 als Ersatz für die durch Bomben zerstörte Queen's Hall eröffnet wurde, symbolisierte sie den Erneuerungswillen und das zukunftsgewandte Denken der Briten nach den langen Jahren der Entbehrung im Zweiten Weltkrieg. Der Konzertsaal am südlichen Themseufer entstand auf einem Trümmergrundstück zu einer Zeit, da die Kriegsrationierung noch in Kraft war und sonst aufgrund der Materialknappheit nur Schulen, Fabriken und Wohnungen gebaut werden durften.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der erste bedeutende Nachkriegsbau in Großbritannien und die einzige dauerhafte Struktur des zur Jahrhundertfeier der Großen Weltausstellung von 1851 veranstalteten Festival of Britain, das die damalige Labour Regierung als Demonstration nationaler Aufbruchsstimmung konzipiert hatte, orientierte sich bewusst an der kontinentaleuropäischen Moderne. Das junge Architektenteam bestehend aus Leslie Martin, Robert Matthew und dem aus Deutschland stammenden Peter Maro, der an der Technischen Hochschule in Berlin bei Heinrich Tessenow und Hans Poelzig studiert und mit dem aus Russland emigrierten Modernisten Berthold Lubetkin gearbeitet hatte, fand seine Vorbilder beim Bauhaus, bei Le Corbusier und Alvar Aalto. Alles war in bewusster Abwendung von der vorherrschend viktorianischen Bausubstanz Londons auf Modernität ausgerichtet. Zu keinem Zeitpunkt hat sich der britische Staat als Auftraggeber dem Neuen gegenüber derart aufgeschlossen gezeigt wie bei diesem Bau.

          Zusehends verfallen

          Mit der Zeit begann die Festival Hall jedoch eher ein Sinnbild der mangelnden Bereitschaft des britischen Staates zu werden, sich für die Kultur einzusetzen. Das Gebäude verfiel zusehends, die Einrichtungen hinter der Bühne ließen sehr zu wünschen übrig und die unzulängliche Akustik machte den Saal zu eine unter Musikern wenig begehrten Aufführungsstätte. Simon Rattle bezeichnete die Royal Festival Hall als die schlechteste unter den großen Konzerthallen Europas. Immer wieder wurden Anläufe unternommen, die Mängel zu beheben und das brutalistische Betonumfeld, das in den sechziger Jahren die Reinheit des ursprünglichen Entwurfs trübte, ansehnlicher zu machen. Der Saal musste sich mit notdürftigem Flickwerk behelfen, während immer wieder neue Pläne für die Verjüngung des gesamten, die Hayward Gallery, die Queen Elizabeth Hall und den Purcell Room umfassenden Southbank-Komplex in Auftrag gegeben wurden. Sie scheiterten allesamt am Etat. Erst als die großspurigen Visionen heruntergeschraubt wurden, um der Festival Hall den Vorrang zu geben, konnte zur Tat geschritten werden.

          Im Auditorium
          Im Auditorium : Bild: REUTERS

          Mit einem Aufwand von 111 Millionen Pfund aus öffentlichen und privaten Quellen ist die Royal Festival Hall nach zweijähriger Schließung instand gesetzt worden: als Konzertsaal für das einundzwanzigste Jahrhundert. Der in frischem Glanz strahlende Bau wird am Montag mit einem Festkonzert offiziell eingeweiht. Es folgt ein kunterbunter Spielplan, der sich, vom Soloabend mit Alfred Brendel zum Auftritt der Heavy-Metal-Band Motörhead reichend, an ein möglichst breites Publikum richtet und die akustische Gestaltung des international renommierten Fachmannes Larry Kirkegaard auf die Probe stellen wird.

          Überwältigendes London-Panorama

          Die mit dem Umbau betrauten Architekten Allies und Morrison haben es sich zum Ziel gesetzt, die durch spätere Veränderungen beeinträchtigte Klarheit des ursprünglichen Entwurfs zurückzugewinnen. Durch die Verlegung der Verwaltungsbüros und die Entfernung der Geschäfte und Cafés aus dem Hauptfoyer ist fünfunddreißig Prozent Platz gewonnen worden. Der Bau wirkt in seiner neuen Form schlüssiger, zumal die Anbindung an das Flussufer wiederhergestellt ist, unter anderem durch die Beseitigung der sperrigen Beton-Balustraden. In den lichten, großzügigen Foyers kann der Blick von der Themsefront zur Südseite schweifen, von den Terrassen auf verschiedenen Ebenen bekommt man ein überwältigendes London-Panorama geboten.

          Das Auditorium, das zum Schutz vor dem Lärm der vorbeirollenden Züge und der unter dem Fundament verlaufenden Untergrundbahn, als „Ei in einer Schachtel“ konzipiert wurde, sieht auf den ersten Blick unverändert aus. Dabei ist alles auseinandergenommen worden, um die Flexibilität und die Klangqualität zu steigern. Die problematische Akustik ist kurioserweise eine Folge des demokratischen Grundgedankens, der den Charakter der Festival Hall bestimmte, von der egalitären Aufteilung der dreitausend Sitze bis hin zu den Foyers und Bars, die auf maximale Zugänglichkeit angelegt sind. In diesem Sinne war der Saal entworfen worden, um den Klang mit der größtmöglichen Wirkung von der Bühne in den Raum zu projizieren. Um eine Rückstrahlung zu verhindern, statteten die Planer die Halle mit absorbierenden Flächen wie Leder, Holzpaneelen und Teppichen aus. Selbst die Klappsitze waren mit kleinen Löchern versehen, die Schallreflektionen auffingen. Ohne den Widerhall konnten sich die Musiker gegenseitig nicht hören, was dem klanglichen Gleichgewicht nicht förderlich.

          Bei der Renovierung galt es vor allem, diese Effekte zu beseitigen. Zu diesem Zweck wurde die Bühne erweitert. Über ihr schweben verstellbare Segel aus dem Nieder- und Mittelfrequenzen durchlässigen, die Hochfrequenzen zurückwerfenden Kunststoff, der für die Herstellung der feuerfesten Rennanzüge von Formel-Eins-Fahrern verwendet wird. Das gewellte Dach, das sowohl Musik- wie Wasserwogen symbolisiert, wurde angehoben und durch klangfreundlichere Materialien ersetzt. In seinem ganzen Erscheinungsbild profitiert der Saal von dem gegenwärtigen Geschmack für den Retrostil der fünfziger Jahre. Bei der Einweihung durch König Georg VI. blieben seinerzeit einige der Honoratioren im Fahrstuhl stecken. Bleibt zu hoffen, dass die zweite Geburt reibungsloser verläuft. Als „Palast des Volkes“ hat sich die Royal Festival Hall, wo Tony Blair vor zehn Jahren seinen Wahlsieg feierte, einen festen Platz in den Herzen der Briten gesichert. Das Urteil der Fachleute steht noch aus.

          Weitere Themen

          Utopie am Main

          „Fratopia“-Festival : Utopie am Main

          Die Alte Oper Frankfurt setzt zur Saison 2021/22 auf neue Formate und Aboreihen. Intendant Markus Fein hofft auf eine vollständige Öffnung. Mit einem zehntägigen Festival soll die Saison im September eröffnet werden.

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.