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Rossini in Frankfurt : Der unendliche Augenblick

  • -Aktualisiert am

Äußerer Stillstand, während in der Musik die Bombe platzt: Contareno (Theo Lebow), Bianca (Heather Phillips) und Capellia (Kihwan Sim) Bild: Barbara Aumüller

Ganz grandios: Die Oper Frankfurt zeigt in „Bianca e Falliero“ von Gioachino Rossini schön singende Menschen, deren Spiel dramatischer Wahrheit verpflichtet bleibt. Der Sopranistin Heather Phillips gelingt ein famoses Debüt.

          3 Min.

          Was für eine merkwürdige Theaterform die Oper ist, wird vielleicht am ehesten deutlich an dem, was Richard Strauss in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal das „kontemplative Ensemble“ genannt hat: Wenn „in dem Moment, wo vielleicht gerade eine dramatische Bombe geplatzt ist, die Handlung stille steht und alles sich in Betrachtungen verliert“. Plötzlich ist die dramatische Zeit außer Kraft gesetzt durch die musikalische, in der die Anwesenden ihr innerstes Empfinden im Gesang aussprechen, unbekümmert um Ohrenzeugen oder Handlungsdruck. Was als mangelnder Realismus gern verlacht wird, ist dabei eine andere dramatische Wahrheit: die aus dem Geiste der Musik.

          Gioachino Rossinis Oper „Bianca e Falliero“ kennt manche solcher Ensembles. Im Finale des ersten Akts etwa platzt wahrhaftig eine „dramatische Bombe“: Die venezianische Patriziertochter Bianca verweigert den Ehekontrakt mit Capellio; dann stürmt, zur Überraschung ihres Vaters Contareno, noch ihr eigentlich Geliebter aus seinem Versteck: der junge Falliero. Das Licht färbt sich blutrot, alle vier erstarren auf der Bühne der Frankfurter Oper zu einem Tableau vivant. Und in einem scheinbar ins Unendliche gedehnten Augenblick werden, wie es Rossinis Zeitgenosse Wilhelm Heinse einmal formuliert hat, „alle innern Gefühle des höchst leidenschaftlichen Menschen hörbar hervor in die Luft gezaubert“. Während das Publikum den Atem anhält: So zerbrechlich, fast gehaucht beginnt etwa Theo Lebow als Contareno sein „Importuno! In qual momento“, so zart wie ein silberner Faden stimmt Heather Phillips als seine Tochter Bianca ihr „Da un istante, da un momento“ an, all das wie auf Händen getragen vom delikaten Orchester unter der Leitung von Giuliano Carella.

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          Der Regisseur Tilmann Köhler vertraut ganz der Musik, die vier leidenden und leidenschaftlichen Menschen scheinen sich, wie unter Schock, in Zeitlupe zu bewegen, die Masse des Chors, der sonst sein Mäntelchen nach dem Wind hängt, ist sprachlos, und dahinter erscheinen als diskrete Projektion die Lippen der Darstellerin der Bianca, die mit einem knallroten Lippenstift unheimlich und doch sinnlich entstellt werden wie bei einer Geisterbraut – ein Schminkvideo ganz anderer Art. Am Ende des Ensembles kehren die vier in die Haltung des Anfangs zurück – dann bricht die väterliche Gewalt wieder los.

          Diese wenigen Minuten würden ausreichen, um einen Eindruck zu vermitteln von der musikdramatischen Kraft dieser Produktion, mit der die Oper Frankfurt ihren intensiven Bemühungen um Rossini einen Höhepunkt hinzugefügt hat. Es ist eben keine leicht konsumierbare „Belcanto-Oper“, sondern ein anrührendes, erschreckendes Familiendrama, das Darsteller und Regieteam gemeinsam entwickelt haben, in dem jede der zahlreichen Koloraturen nicht aus der geläufigen Kehle, sondern aus dem überschäumenden Affekt kommt. Das gilt für den stets nervös agierenden Lebow, der den absurden Herausforderungen seiner Tenorpartie souverän gewachsen ist. Es gilt für den Bass Kihwan Sim als edelmütig-mitleidsvoller, aber durchaus auf seinen Vorteil bedachter, in seinen Koloraturen prächtig knatternder Capellio. Es gilt für die in ihren schönsten Momenten dunkelsüß wie alter Portwein intonierende Mezzosopranistin Beth Taylor, deren Falliero freilich ebenso toxisch und manipulativ agiert wie die beiden anderen Männer.

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