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Rosa von Praunheim : Er ist dann mal so frei

  • -Aktualisiert am

Entschlossen: Božidar Kocevski in der Rolle Rosa von Praunheims Bild: Imago

Er gilt als König des künstlerischen Undergrounds. Jetzt hat der Regisseur Rosa von Praunheim eine der wichtigsten Bühnen der Hochkultur erobert.

          Man konnte ihn nicht übersehen: Rosa von Praunheim stand im Foyer der Kammerspiele des Deutschen Theaters, trug ein signalrotes Paillettenhütchen und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Kein Wunder, denn er ist so etwas wie der König des künstlerischen, vor allem filmischen Undergrounds, aber nun hatte er auch eine der wichtigsten Bühnen der Hochkultur erobert. Vielleicht gelang ihm dieser Coup, weil er vergangenen November fünfundsiebzig Jahre alt wurde, vielleicht, weil man sich derzeit jubiläumsmäßig an den gesellschaftlichen Umbruch von 1968 erinnert, und vielleicht, weil er Mitglied der Berliner Akademie der Künste ist wie Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters.

          Und also brachte er in eigener Regie in den Kammerspielen sein Theaterstück „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ zur Uraufführung. Im Publikum saßen Prominente wie Zazie de Paris, Tom Tykwer oder Gregor Gysi und freuten sich auf ein bisschen Anarchie und Aufruhr. Nichts davon passierte allerdings, keine Femen-Entblößungen, keine MeToo-Spruchbänder, keine AfD-Proteste, alles blieb formal gesittet, wenngleich verbal mitunter rustikal und ästhetisch gelegentlich grenzwertig.

          Splitternackt oder im Bärenkostüm

          Am Anfang wurden Ausschnitte aus einigen der mehr als siebzig Filme von Praunheims und aus Talkshows gezeigt, in denen er die These vertritt, dass es ein Akt politischer Befreiung sei, das eigene Privatleben möglichst öffentlich zu machen. Deshalb spricht er stets ungeniert über seine Sexualpartner und fragt alle Menschen, obwohl er sie erst drei Minuten kennt, nach Art und Qualität ihres letzten Beischlafs aus.

          Wesentlich für seinen Lebensweg ist die Tatsache, dass Praunheim, geboren in Lettland und als Holger Mischwitzky in Deutschland aufgewachsen, erst vor wenigen Jahren erfuhr, dass seine leibliche Mutter früh verstorben und er ein Adoptivkind ist. Von all dem ist in seinem Theaterstück einerseits komisch-ironisch, andererseits pedantisch genau die Rede, aber es wird außerdem oft gesungen, denn Praunheim schreibt regelmäßig Gedichte, die hier von Heiner Bomhard vertont wurden, der sie, wenn er nicht als Darsteller mitmacht, selbst am Klavier und Akkordeon spielt.

          Den Rest des zweistündigen, beschwingt konzentrierten Abends trägt mit Glitzerhose und grenzenloser Begeisterung, mal im Bärenkostüm, mal splitternackt der junge Božidar Kocevski. So entschlossen wie enthusiastisch schlüpft er in die Rolle Rosa von Praunheims, singt, plumpst auf den Rücken, lässt sich köpfen und ausweiden, veralbern, beschimpfen, jedoch nie unterkriegen. Ins karge Bühnenbild von Volker Reim wird manchmal eine Showtreppe hereingefahren. Seitlich werden ergänzende Schnappschüsse aus Praunheims Fotoalbum projiziert.

          „Wir sind alle Glückskinder“

          Mit fröhlicher Anarchie und quietschfidelem Dilettantismus feiert sich der als kosmopolitischer Heilsbringer und politischer Zampano. Dass dabei manches, bezogen etwa auf die Härte der Muskeln und die Dimensionen der Geschlechtsorgane seiner Liebhaber, ziemlich sexistisch klingt und das meiste drum herum halbwegs altbacken, kümmert ihn kein bisschen.

          Er ignoriert einfach, dass auch die sexuelle Revolution ihre Kinder – wie ihn – gefressen hat, dass Homosexualität nicht mehr unbedingt ein Ausschlusskriterium ist und im Publikum mit Kultursenator Klaus Lederer ein offen schwuler Politiker sitzt, der in dieser Funktion Klaus Wowereit abgelöst hat. Das Private ist heute mit Hilfe der sozialen Medien längst allgemein zugänglich geworden und das öffentliche Leben übersexualisiert, was für Praunheims weltanschauliche Bestandaufnahme freilich ohne Belang bleibt. Er reimt unverdrossen „Möse“ auf „böse“ und „trotzen“ auf „kotzen“ und genießt den milden Glanz seiner versunkenen Skandale.

          Am Schluss gab’s die erdumspannende Ballade „Wir sind alle Glückskinder“ („Schönheit und Liebe / Sind allen gegeben“), und es regnete rote Blütenblätter, dazu brach im Saal hysterisches Juchzen und donnernder Applaus aus. Der sichtlich gerührte Autor und Regisseur gesellte sich mit glitzerndem Zylinder samt passendem Cape zu den Mitwirkenden, ein Zauberer von eigenen Gnaden in einem Ozean aus Herz und Schmerz: Frankfurt hat Praunheim, Berlin hat Rosa.

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