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„Rolling“ von Michael Laub : So sieht bedingungslose Hingabe aus

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Szene aus Michael Laubs „Rolling“, das jetzt am Berliner HAU vom Ensemble Remote Control getanzt wird. Bild: Monika Rittershaus

Die Macht des Zelluloids, die Magie der Bühne: In Berlin wird „Rolling“ von Michael Laub uraufgeführt. Das ist verwegenes Tanztheater, das erfunden werden musste.

          In den Bühnenkünsten geht es um die Macht der einen über die anderen. Die Macht der Herkunft, die Macht der Politik, des Geldes, die Macht derjenigen, die weniger heftig lieben als sie geliebt werden, oder gar nicht. Die Macht der Charismatiker, die Macht derjenigen, deren Schönheit rührt und wehrlos macht, die Macht derjenigen, die sexy sind und das benutzen. Es geht um die Macht der Regisseure über die Schauspieler und der Schauspielerinnen über die Regisseure.

          Doch wo bleibt in diesem Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten das Publikum? Die Zuschauer fühlen zu lassen, dass sich in zwei Stunden auf der Bühne Dinge abspielen, die das Leben nicht nur unterbrechen, sondern es überhöhen, erklären, reflektieren, die komprimierter, schneller getaktet und logisch konsequenter schocken, verführen und lähmen, anstiften und blockieren, darin liegt ein unwiderstehlicher Reiz für Regisseure, dafür nehmen sie große Mühen auf sich. Um diese magischen Veranstaltungen zu erschaffen, wagen sie sich weit hinaus, bringen sich unter Druck, erzwingen sie die bedingungslose Hingabe ihrer engeren Umgebung an ihr Vorhaben, erzeugen sie in ihrer weiteren Umgebung Erwartungen, die sie zittern zu übertreffen.

          Der belgische Regisseur und Choreograph Michael Laub, Jahrgang 1953, nimmt das auf sich, seit er Mitte der siebziger Jahre in Stockholm zu inszenieren begann. Von 1981 an erregte sein Ensemble „Remote Control“ mit seinem außergewöhnlichen Theater internationales Aufsehen. Blackouts trennen viele Szenen in seinen Stücken voneinander wie filmische Schnitte, Licht an, Licht aus, Ton an, Ton weg: Das Theater ist der Ort, an dem man die Elemente und Akteure wie mit einer Fernbedienung steuern kann, und man denkt, wie Laub lachend im Gespräch sagt: „Ach, ginge das doch in der Wirklichkeit auch!“

          Bevor sich jemand empört: Er meint es nicht ernst. Sein Theater aber schon. Wenige wissen mit der Macht des Zelluloids und der Magie der Bühne so zu spielen wie er, dessen Inszenierungen eigentlich wirken wollen wie Filme: hochglanzoberflächenschön, untergründig verstörend, vor allem aber perfekt getaktet. Laubs neue zweistündige Show „Rolling“, in der getanzt und gesteppt wird wie im Musical, gespielt wie am Burgtheater, gesungen wie an der Met, ist darin nicht anders und also ein Glück für das Publikum, das sich so gefahrlos wie hemmungslos in jeden der zehn denkwürdigen Darsteller verlieben kann, für die Dauer der Vorstellung. In Greg Zuccolo etwa, der sich als Cop aus „Bad Lieutenant“ durch ein imaginäres Autofenster hineinbeugt und den kaugummikauenden verdorbenen Beauties erst mal klarmacht, welche sexuellen Dienstleistungen zur Buße zu erbringen wären. Greg Zuccolo sieht aus, als wäre er einem Robert Altman Film entstiegen, tanzt aber in den Auszügen aus Schwanensee, als hätte er bis letzte Woche beim Bolschoi-Ballett unter Vertrag gestanden. Melissa Holley wiederum tanzte in Hamburg die Titelrolle in „Snow White“, als sie zu Laubs Audition kam. Sie spielt Bette Davis und sagt, sie werde darauf warten, dass man sterbe, und ja, es gefriert einem das Blut in den Adern. Sie singt auch wie Marilyn Monroe in „Some Like it Hot“, sie ist das Titel-Nymphchen der Nabokov-Verflmung „Lolita“ und, und, und ...

          Was das alles zu bedeuten hat, diese große Schauspiel-Revue der Kino-Erinnerungen von Michael Laub? Es ist alles andere als privat, dieses hier nachgespielte, aufgerufene, große Archiv des Hauen und Stechens, des Lügens und Betrügens. Es ist das kollektive kulturelle Gedächtnis, in dem diese zweihundert Filme herumgeistern, aus denen hier so charmant und witzig zitiert wird, dass man zwei Stunden lang aus dem Lachen nicht herauskommt. Wir alle haben Hitchcocks „Vögel“ so abgespeichert, dass wenn Maxwell Cosmo Cramer den Filmtitel aufruft in seiner langen, lustigen, vom Smartphone abgelesenen Liste und dann als Signaturgeste die Arme schützend vor dem Kopf verschränkt, man einfach in Gelächter ausbricht. Warum aber?

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