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Rolf Boysen zum Neuzigsten : Machen Sie dem Ausdruck Platz!

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Rolf Boysen, im Februar bei seiner Lesung von Golo Manns „Wallenstein” im Münchner Litertaturhaus Bild: Jan Roeder

Umso schwerer wiegen dann die Worte zwischen Hirn, Herz und Mund: Theater ohne Sprache und ohne Erinnerung ist für den großen Schauspieler Rolf Boysen undenkbar. Sein Spiel lässt Luft für das Menschenmögliche. Heute feiert er seinen neunzigsten Geburtstag.

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          Eine seiner typischen Gesten besteht darin, den rechten Arm von der Mund- oder Herzgegend zur Stirn hochzuwuchten, die Hand leicht nach außen verdreht – wobei sie für einen kurzen Moment auf der Stirn ruhen bleibt. Mehr als eine Geste. Vielmehr Ausdruck dessen, was da kurzgeschlossen wird: Hirn, Herz und Mund. Und ein Zeichen dafür, dass das, was gedacht und gefühlt wird, auch ausgesprochen werden muss – und umgekehrt.

          Seine Auftritte schaffen sofort Platz: für die Sprache. Sie bekommt von ihm Körper, Gestalt, Wucht, Melodie, Tragik, Sehnsucht, Hochmögenheit, Sturmgebraus und Dunkelruhe. Bei ihm werden Worte zu Figuren. Er kann, wenn er zum Beispiel Melvilles „Moby Dick“ auf Tonkassette vorliest, den weißen Monster-Wal und dessen Jäger knarzend und knorrend, stürmend und blasend in ein wundersam strudelndes imaginiertes Weltenmeer-Theater verwandeln. Und seine Münchner Lesungen aus der „Ilias“ oder der „Aeneis“ waren Publikumsmagneten wie ganz große Theaterabende. Zuletzt faszinierte er im dortigen Literaturhaus, als er Golo Manns „Wallenstein“-Biographie zu einem großen Wörter-Drama machte.

          Was er sonst aber zwischen Herz, Hirn und Mund kurzschließt, füllt den von ihm über alles geliebten Guckkasten. Diesen altmodischen, von vielen hassend belächelten, nurmehr unter Murren ertragenen, durch eine unsichtbare vierte Wand vom Zuschauerraum getrennten Raum der Wunder und der Zeichen, diesen herrlichen alten Zauberkasten, in dem ganze Welten aufblühen und wieder verblühen, bespielt er mit heißem Herzen. Innig wie kein Zweiter. Noch im hohen Alter.

          Nicht verloren, verweht und vergangen

          Vor Aufführungen kommt er früh ins Haus, geht auf die dunkle Bühne, schaut in den leeren Zuschauerraum und lässt auf sich wirken, dass, wie er einmal gestand, „alle Kollegen, die hier gespielt haben, die längst schon unterm Rasen sind, aber die alle schon ihre Empfindungskraft und ihre Sprachkraft dagelassen haben“, nun nicht verloren und verweht und vergangen seien, sondern dablieben in allem, was durch sie erlitten und erlebt und geliebt worden ist, „in jedem Staubkorn auf diesem Boden“.

          Für Rolf Boysen ist Theater also nicht nur undenkbar ohne Sprache. Sondern auch undenkbar ohne Erinnerung. In seinem Essay-Band „Nachdenken über Theater“ schrieb dieser ausnehmend gescheite, aber durchaus zeitgeistwidrige Kopf: „Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstriches: Das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen. Wer die Sprache hinter sich lässt, wer klüger ist als ein Komma, ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich, ist öde, leer und uninteressant.“

          Nicht umsonst gehört Rolf Boysen ein Schauspielerleben lang zum Theater der skrupulösen Regisseure, die radikal die alten Texte dadurch ehren, dass sie diese wirklich bis zum letzten Doppelpunkt umdrehen und von allen Seiten betrachten und ihnen so lange alle Sicherheits- und Konventionsböden unter den Sprachfüßen wegziehen, bis sie manchmal ihr Geheimnis preisgeben – und im besten Fall neu glänzen in fürchterlicherer, komischerer, tollerer Gestalt, im schlechteren Fall aber immer noch große, fragwürdige Texte bleiben. Es war und ist das Theater der Kortner, der Noelte, der Lietzau, der Dorn: das Theater der Dichterbildner. Sprache und die schlagende Geste fürs schlagende Wort spielen darin die Hauptrollen. Und Rolf Boysen ist darin einer der erregendsten Sprechgestenspieler.

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