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„100 Songs“ in Stuttgart : Wunschkonzert zur Apokalypse

  • -Aktualisiert am

Der Plattenteller ist angerichtet: Robert Rozic und Anne-Marie Lux Bild: Björn Klein

Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig inszeniert in Stuttgart eine Playlist gegen den Tod. In „100 Songs“ verbinden sich ultrakurze Schicksalsmelodien mit den Lebensgeschichten ganz normaler Leute.

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          Es sind nicht gerade hundert Songs, nur sechsundzwanzig und ein paar zerquetschte, bloß angespielte, die Hannes Gwisdek von „Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi“ für Roland Schimmelpfennigs neues Stück arrangiert hat. Klassiker von Händel, Bach und Chopin sind dabei, aber auch „Passenger“ von Iggy Pop, eine Ballade von Katie Melua, Rock-Evergreens wie „Highway to Hell“ und das Pipi-Langstrumpf-Lied, das schon für Andrea Nahles zur Untergangshymne wurde.

          Wenn im Fernsehen „100 Songs, die die Welt bewegten“ laufen, sind meist Megahits zu hören. Schimmelpfennig hat eine ähnlich überraschungsfreie Playlist, aber mehr als eine Oldie-Revue oder einen kritischen Liederabend im Sinn. Seine „100 Songs“ sind ultrakurze Schicksalsmelodien gegen den Tod, ein paar Takte und Tonschnipsel aus der Jukebox der kollektiven Erinnerung, die endlos wie Refrains wiederholt werden. Aus der zersplitterten Lebensgeschichte „ganz normaler Leute“ sollen Ohrwürmer werden.

          Es ist höchste Eisenbahn, vier Minuten vor dem Ende. Um 8.52 fährt der Zug in den Bahnhof ein; um 8.55 Uhr, gerade als im Radio ihr Lieblingslied „Bette Davis Eyes“ läuft, lässt die Kellnerin Sally eine Tasse fallen, und alles fliegt in die Luft. Schimmelpfennig nennt den Terroranschlag von Madrid 2004 als Inspiration, aber eigentlich gehört die plötzliche, im Wurmloch der Zeit irgendwie reversible Apokalypse zu jedem neueren Drama dieses Autors. Alles hätte vielleicht anders kommen können, wenn Sally und der Mann mit der Sporttasche sich begegnet wären. Mit ein bisschen Glück und Liebe kann man nämlich die Zeit anhalten, die fallende Tasse auffangen und erleichtert „Gerade noch mal gutgegangen“ sagen.

          Singende Wale und andere „Weltwunder“

          Aber Momente von Frieden, Liebe und Glück sind in der Weltgeschichte eher selten, und so erzählen sich Paare, Passanten und Zugpassagiere kurz vor dem Ende ihre Geschichten, Erinnerungen, Träume, Sorgen. Ein Pfarrer verzweifelt an Gott, weil er ein Kind beerdigen muss. Eine Frau im roten Kleid sagt: „Ich bin eine sechsunddreißigjährige Stripperin aus Schwedt, und ich glaube an Gott.“ Neben ihr sitzt ein junger Muslim und liest den Koran. Ein Polizist hadert mit seiner Einsamkeit und Sprachlosigkeit, ein bolivianisches Kindermädchen vermisst ihre Kinder. Der alte reiche Mann merkt, dass man Geld nicht essen kann. Ein Paar liebt sich, eines entliebt sich gerade, zwei Studenten diskutieren über die Gesetze der romantischen Komödie.

          Es sind hübsche kleine Geschichten, aber es fehlt ihnen an Eigenart und Geheimnis. Schimmelpfennig reiht fast beliebige alltägliche Schicksalsmomente aneinander, und weder Songs noch Banalitäten wie „Das Leben ist traurig“ noch die allgegenwärtige Tiersymbolik können einen tieferen Zusammenhang stiften. Soll es eine hippologische Ringparabel sein, wenn Mohammeds geflügeltes Pferd, Odins Streitross Sleipnir und die vier Apokalyptischen Reiter zusammentreffen? Auf der Bühne geht es zu wie in einer Umkleidekabine.

          Die Darsteller holen sich typische Requisiten, Instrumente und Kostüme vom Haken und verkörpern, natürlich immer nur vorläufig, zeit- und versuchsweise, gut zwei Dutzend Rollen: Mädchen mit traurigen Augen, Jesus mit Dornenkrone, Landvermesserin mit Zollstock, tibetanischer Mönch mit Glöckchen, dazu: Piraten, Soldaten, Politiker, Models, singende Wale, Elefanten, Flamingos und andere „Weltwunder“.

          Eine große Schicksalsgemeinschaft

          Sebastian Röhrle als Koranleser und gemarterter Jesus, Reinhard Mahlberg als weinender Pfarrer und siebzehnjährige Friseuse oder auch Katharina Hauter als Kellnerin tun ihr Bestes beim spielerischen Improvisieren. Aber es gibt in diesem Bahnhof keine Variation, keine Entwicklung, nur Wiederholung, prismatische Brechung und Nebelmaschinen. Figur reiht sich an Figur, Szene an Szene, Song an Song, und weil Schimmelpfennig in Personalunion Autor, Regisseur und Bühnenbildner ist, fällt ihm niemand dabei in den Arm.

          Zu Lebzeiten seines Leibregisseurs Jürgen Gosch war das noch anders. Mit seinem märchenhaft-surrealen Stück „Die arabische Nacht“ schaffte Schimmelpfennig vor bald zwanzig Jahren in Stuttgart den Durchbruch zum meistgespielten deutschen Gegenwartsautor. Inzwischen hat sich sein Motivarsenal weitgehend erschöpft und seine Form des narrativen Theaters, die epische Verschränkung von Zeige-, Spiel- und Erzählmodus, ist zur Manier geworden. „100 Songs“ ist eine Auftragsarbeit für das Theater im schwedischen Örebro und erlebte seine deutsche Uraufführung wohl nicht zufällig als Hörspiel.

          In Stuttgart strukturiert Schimmelpfennig sein „Requiem“ durch schrille Pfiffe aus der Trillerpfeife des Bahnhofsvorstehers. Schon im Prolog beugen die Darsteller mit gesprochenen Regieanweisungen allen Theaterillusionen vor. „Ein Mann weiß nicht, wie er beginnen soll“, sagt die Frau im ersten Satz. Gut, wenn Männer zwischen heroischem Schweigen, Erklären und Befehlen auch mal zarteren inneren Melodien nachhören.

          Aber sie sollten vielleicht auch eine Idee davon haben, was sie sagen und hören wollen. Sonst wird es nur eine Art Wunschkonzert zum Weltuntergang: Jeder singt und summt allein vor sich hin, bis plötzlich, fünf vor neun, die Tasse zu Boden fällt und aus der Kakophonie der Stimmen ein Chor wird. Jeder hat seine Geschichte, alle zusammen sind eine Schicksalsgemeinschaft. In Stuttgart stehen am Ende alle in Blut und Scherben und singen erstaunlich fröhlich Diana Ross’ „Upside Down“.

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