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Bayerisches Staatsballett : Von der Gefahr im Umgang mit schönen Puppen

  • -Aktualisiert am

Morgendliches Dehnen: Virna Toppi in der Hauptrolle Bild: W. Hösl

Variationsreich, leichtfüßig und perfekt im Einklang: In München lässt sich sehen und hören, was der großartige Ballettkomponist Léo Delibes einst aus dem Choreographen Roland Petit herausholte.

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          Etwas mehr als hundert Jahre nach der Premiere des Balletts „Coppélia“ im Paris des Jahres 1870 nahm sich der berühmte französische Choreograph Roland Petit des Werkes nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ an. Dadurch schenkte er dem Schlußpunkt der Romantik im Ballett ganz neue, komödiantischere, an Jacques Offenbach erinnernde Qualitäten.

          In München hat jetzt Igor Zelensky „Coppélia“ in dieser Version von 1975 vom Bayerischen Staatsballett einstudieren lassen – mit exakt den Schritten, genau der wunderschönen Ausstattung, den musikalischen Strichen, die Petit an Léo Delibes’ phantasiereicher Komposition vorgenommen hatte. Was im Schauspiel gar nicht vorkommt und in der Oper auch nicht mehr oft – dass Inszenierungen Werkcharakter zugeschrieben wird und sie so manchmal fünfundzwanzig oder dreißig Jahre lang gespielt werden –, das findet im Tanz glücklicherweise durchaus statt. Die Schritte eines Balletts sind zu großen Teilen das Äquivalent zu den Worten eines Dramas oder Arien, teilweise aber sind sie Bewegungen, die gerade die Inszenierung eines Regisseurs ausmachen und diese von anderen Versionen unterscheiden.

          Es ist fast tragisch zu nennen, wie viele unglaublich gute Versionen von Repertoire-Werken ersetzt werden durch weniger geistreiche neue Inszenierungen. Bei den großen Klassikern des neunzehnten Jahrhunderts sollten die Opernhäuser eigentlich die bereits rekonstruierten Originalversionen von Petipa et al. spielen und zusätzlich aktuellere Fassungen zur Diskussion stellen können. In einer idealen Ballettwelt wäre das so.

          Ein altes italienisches Marionettentheater

          Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Werken, bei denen die ursprüngliche Tradition verloren ist oder Rekonstruktionen unmöglich sind oder in den Hintergrund treten, weil das zwanzigste Jahrhundert sich ihrer beispielhaft angenommen hat. Von „La fille mal gardée“ etwa möchte man nie eine andere als Frederick Ashtons Version sehen, was für seine „Sylvia“ ebenfalls gilt. Das liegt daran, dass Ashton ein ausgeprägt historisches, auf mündlicher und physischer Überlieferung und Studium basierendes Verständnis von dem hatte, was diese Werke ausmacht. Außerdem war er selbst ein so einfühlsamer wie erfinderischer Choreograph. Er war unfähig, sein Publikum zu langweilen! Nie versuchte er Unpassendes, immer dient der Tanz der Geschichte, immer ist der Tanz selbst Erzählung, nie geht es um die Demonstration eines „Ashton-Stils“.

          „Coppélia“ hat, wie „Sylvia“, Musik von Delibes, und es ist herrlich, in München zu sehen und zu hören, wie dieser großartige Ballettkomponist das Beste aus dem Choreographen Roland Petit herausholte. Übereinstimmend wird in der Ballettwelt Petits „Coppélia“ für die beste gehalten, auch wenn das Royal Ballet oder das Bolschoi andere, ältere Fassungen spielen.

          Petit konnte die Nähe zur Revue oder zum Nachtclub durchaus überziehen, er betrieb ja auch eine Zeitlang das „Casino de Paris“. Er konnte es auch mit dem Existentialismus übertreiben, wenn man seine „Carmen“ oder „Le jeune homme et la mort“ nimmt. Aber das Koketteste, das in seiner „Coppélia“ ins Auge springt, ist das Rascheln der Unterröcke in den Can-Can-Motiven des Ensembles, wenn die Frauen Knopfstiefel tragen wie auf den Bildern Henri Toulouse-Lautrecs. Selbst dann aber ist jedes der mit den Offizieren des Männerensembles flirtenden Mädchen individuell auch im gestischen Ausdruck. Die ganze Inszenierung atmet Freiheit, Charme, Tanzlust, Spiellust.

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