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Shakespeares „Römerdramen“ : Vom Unheil umschwärmt

  • -Aktualisiert am

Griff in die staubige Trickkiste: Felix Goeser als Brutus und Kate Strong als datenaufzählende Mutter Bild: Arno Declair

So macht das Theater sich lächerlich: Eine gedankenlose Shakespeare-Bearbeitung und eine läppische Regie ergeben zusammen einen Theaterabend auf Klippschulniveau.

          Vielleicht sollte man auch für das Theater eine FSK-Altersfreigabe einführen. Ein unabhängiges Gremium bestimmt bindende Zugangsbeschränkungen und gibt so dem Zuschauer schon eine Vorahnung davon, was ihn erwartet. Die Empfehlung für diesen Abend am Deutschen Theater in Berlin könnte lauten: „Die folgende Aufführung enthält keine einzige Szene, die Ihr sittliches Empfinden verletzen könnte. Es kommen keine Gewalt, keine sexuellen Anzüglichkeiten und keine beleidigende Sprache vor. Die Inszenierung eignet sich für Nachmittagsvorstellungen und ist freigegeben für Kinder bis einschließlich sieben Jahre.“

          Im Ernst – so harm- und gefühllos, so vollkommen ohne Suspense und Schauer wie in dieser Aufführung ist einem Shakespeare selten begegnet. Das liegt vor allem daran, dass hier die meiste Zeit nicht Shakespeare, sondern John von Düffel gesprochen wird. Dieser unermüdlich tätige Umarbeiter von Klassikern zum dramatischen Alltagsgebrauch hat sich diesmal unglücklicherweise, weil völlig absichtslos Shakespeares drei Römerdramen „Coriolanus“, „Julius Caesar“ und „Antonius und Cleopatra“ vorgenommen und sie in einer erklärbärhaft leichten Sprache mehr schlecht als recht nachzuerzählen versucht.

          Mit Erotik Politik machen

          Die drei Stücke haben an sich wenig miteinander gemein, außer dass sie alle Motive der römischen Geschichte – so wie sie bei Plutarch überliefert sind –, verarbeiten. Im „Coriolanus“ geht es um einen volksverachtenden Feldherrn, der sich als erklärter Antidemokrat weigert, bei den römischen Wählern um Stimmen für das Konsulat zu werben. Er, der im Krieg nicht für die Republik, sondern für das aristokratisch geprägte Vaterland gekämpft hat, stellt die Frage nach dem Für und Wider der jungen Republik. Wie passen die Kategorien Vaterland und Kriegerstolz zu den neuen Ansprüchen von Gleichheit und Mehrheitsentscheidung?

          Im 1598 – kurz vor dem „Hamlet“ – geschriebenen „Julius Caesar“ dreht sich alles um das Schicksal des mächtigen Herrschers und die Frage, ob physischer Widerstand gegen einen totalitären Gewalthaber gerechtfertigt ist, um die bestehende Ordnung vor Unheil zu bewahren. Und in „Antonius und Cleopatra“ – der späten Römertragödie von 1607 – zeigt Shakespeare schließlich, wie sich mit Erotik Politik machen lässt. In keinem anderen Stück Shakespeares wird Fortuna häufiger angerufen, hat das Launische als Schwebezustand, der Verhaltensnormen unterläuft und Koketterie befeuert, einen gültigeren Ausdruck gefunden als in Cleopatra, der vom Unheil umschwärmten ägyptischen Königin.

          Shakespeare Dramen im Terra-X- Stil

          Von den unterschiedlichen psychologischen Facetten der Stücke zeigt der von Karin Henkel eingerichtete Abend keine einzige, denn ihm scheint es allein um eine möglichst niederschwellige Aufbereitung der Ereignisgeschichte zu gehen. Shakespeares Dramen werden dazu chronologisch aneinandergereiht, so dass sich im „Terra X“-Stil eine kleine Geschichte der Römischen Republik erzählen lässt. Immer wieder tritt eine Englisch sprechende ältere Dame auf, um im Gestus der unnachgiebigen Lehrerin Jahresdaten und Ereignisabläufe aufzuzählen. Die unverfänglichen Dialoge, in denen auf für Shakespeare untypische Weise die Rede von „Verfassung“, „Staat“ und „Ausnahmezustand“ ist und in denen Wendungen wie „er rappelte sich hoch“ oder „ich sag mal so“ fallen, fügen sich zu keinem Spannungsaufbau. Was gesagt wird, klingt so, als könnte es auch nicht gesagt worden sein. Das einzig Positive sind die fließenden Übergänge zwischen den Stücken: Der ermordete Coriolanus wird zum ermordeten Caesar, der geflohene Mark Anton des „Julius Caesar“ findet sich ohne Unterbrechung bei Cleopatra wieder. Aber im Ganzen ist diese „Readers Digest“-Inszenierung eine große Enttäuschung. Auch, weil die Schauspieler der Regie nichts Eigenständiges entgegensetzen.

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