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Händel-Festspiele Göttingen : Triff mich bitte mit den Pfeilen deiner Blicke

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Die Bühne: eine Art-déco-Drogenhöhle à la „Leaving Las Vegas“ mit italienischem Shabby Chic und einem Friedhof voller Kuscheltiere Bild: Alciro Theodoro da Silva

Rosenkrieg, Arienplüsch – und alles recht unglaubwürdig: Wäre der erstklassige Gesang nicht gewesen, hätte man sich Händels frühe Oper „Rodrigo“ bei den Göttinger Festspielen lieber erspart.

          Händel lauscht. Festgehalten von dem Bildhauer Louis-François Roubiliac noch zu Lebzeiten, sitzt der 53 Jahre alte Komponist seit 1738 in den Londoner Vauxhall Gardens, einem Vergnügungspark südlich der Themse, entspannt auf einem Marmorsockel. Er zupft die Saiten, versunken in den Klang der Lyra, sein Blick geht durch uns hindurch. Ein moderner Apollon mit Künstlerkappe, eher der weiche Typ. Nicht jener Händel, den sein Grabmal in Westminster Abbey als Macher, als Tatmensch zeigt, als – wie der amerikanische Philosoph Peter Kivy es bezeichnet hat – „possessor“, zupackender Schöpfer großer, eben auch dionysischer Musik.

          Das Denkmal des lyraspielenden Komponisten ziert das Programmheft der Händel-Festspiele Göttingen, die in diesem Jahr unter dem Motto „Magische Saiten“ stehen. Es geht um reale und innere Saitenspiele, also die Welt des Hörens, „alles, was uns anrührt, dich und mich“, wie Rainer Maria Rilke es treffend formulierte.

          Das Festivalprogramm lässt neben Davids Lyra im Oratorium „Saul“ viele andere Saitenspiele erklingen: Harfen-, Cembalo- und Ensemblekonzerte, auch Musik für Hackbrett. Ein Symposion fragt flankierend nach dem Melancholischen in der Musik, im „Händel-Talk“ diskutieren Hörforscher der Universitätsmedizin Göttingen über das Hören bei Musikern. „Magische Saiten“ ist kein originelles Motto. Händels Musik braucht aber keines. Kein anderer Komponist kann sich einer derart ungebrochenen, zeitlosen und vor allem internationalen Beliebtheit erfreuen.

          Ein Quartett des Zorns

          Die Eröffnung der Göttinger Händel-Festspiele am 17. Mai handelte weniger von magischen Saiten als von tragischen Seitensprüngen. König Rodrigo – Namensgeber von Händels erster Oper von 1707, deren Quellen bis zur Wiedertaufführung von 1984 eine abenteuerliche Geschichte hinter sich haben – geht fremd und hat, typisch Held, viel versprochen und nichts gehalten. Florinda sitzt nun mit einem Kind da, ist sauer und stachelt den Königs-Rivalen Evanco auf, der in sie verliebt ist.

          Ebenso zürnt und hadert die kinderlose Gattin Esilena. Die vier beharken sich blutrünstig, unter tatkräftiger Mithilfe der Krieger Guiliano und Fernando. Doch nach ausreichender Reflexion und Moraldebatte kehrt wieder Frieden ein. Lieto fine nach dreieinhalbstündigem Rosenkrieg, eingetaucht in rosaroten Arienplüsch.

          Die viel zu voll gestellte Bühne (Bühnenbild und Kostüme: Dorota Karolczak) sieht dann schon längt aus wie ein Schlachtfeld, eine Art-déco-Drogenhöhle à la „Leaving Las Vegas“ mit italienischem Shabby Chic und einem Friedhof voller Kuscheltiere. Das hat man alles schon gesehen: ein Ablenkungsüberangebot samt Flimmerkasten, der nicht immer so will, wie die Technik es vorsieht. Mitten im Ramsch fällt auch das Göttinger Gänseliesel nicht weiter auf.

          Zwischen Affektwirkung und Effekthascherei

          Den zunehmend derangierten Akteuren in „Mad Max“-Optik bleibt, wenn sie nicht auf dem schmuddeligen Sofa sitzen, sich dort paaren oder betroffen gucken, nur ein autogenes Herumwandern im Müllberg übrig. Fast immer fuchteln sie mit Waffen herum, ein beliebtes Stilmittel der Göttinger Inszenierungen – dieses Mal ist das Arsenal um Geflügelschere und Hackebeil erweitert. Am Ende wird gar der geschlachtete Hund – deutsches Kurzhaar – gegrillt und gemeinsam verzehrt, ein merkwürdiger Seitensprung der englischen Regie (Walter Sutcliffe). Hier kippt die Affektwirkung in Effekthascherei um. Alles recht unglaubwürdig – oder hat der Regisseur „Frühling der Barbaren“ von Jonas Lüscher gelesen?

          Um die Spannung dauerhaft aufrechtzuhalten, sind die Rezitative noch etwas zu ungelenk, Händels Prosodie noch nicht so geschliffen wie später, der dramaturgische Zugriff noch zu monologisch. Dennoch blitzen in diesem Erstling immer wieder jene melodisch-laszive Farbigkeit und das rhythmische Temperament späterer Opernerfolge durch, wenn auch der Instrumentalpart noch vergleichsweise statisch und alles im allem recht langatmig wirkt. Das Festspielorchester unter der Leitung von Laurence Cummings ackert sich meisterhaft durch die spröden Passagen und kann in den Höhepunkten, vor allem im dritten und letzten Akt, immer wieder glanzvolle Akzente setzen.

          Ein Platz in der Oberliga?

          Das ist vor allem den erstklassigen Sängern zu verdanken, die über das visuelle und auditive Dekor weit herausragen und dem Abend einen internationalen Glanz verleihen. Countertenor Russell Harcourt (als Evanco) erfleht von seiner Angebeteten Florinda „nur einen einzigen Pfeil von denen, die dein Blick auf mein Herz geschleudert hat“, um zu siegen.

          Sein albernes Outfit ist vergessen, ein Seufzen geht durch das Publikum, und nicht nur das weibliche: Wer möchte ihm nach dieser streichelzarten Bitte keinen Pfeil schenken? Und wenn Erica Eloff (als Rodrigo) und Fflur Wyn (als Esilena) im Todesahnung-Duett „Ich verlasse dich, doch bleibt mein Herz bei dir“ schmelzend ineinander sinken, muss man die Augen schließen vor hellglänzender Klangschönheit und Selbstschutz vor der kreischbunten Bühne.

          Auch Florindas Treue-Arie „So bist du mir teuer“, leidenschaftlich vibrierend gesungen von Anna Dennis, hätte das Zeug zum Ohrwurm, wäre sie nicht deutlich zu kurz geraten. Hieraus hätte ein älterer, erfahrener Händel fraglos einen kalorienstarken Klassiker gebacken. Jorge Navarro Colorado (als Giuliano) und Leandro Marziotte (als Fernando) vertreten eher die rüden Charaktere, können aber auch diese Parts stimmlich exzellent ausfüllen.

          Ob Rodrigo dauerhaft in der Oberliga der Händel-Opern mitspielen kann oder wieder auf die Ersatzbank muss, ist fraglich. Das macht aber auch nichts. Festivals wie jenes in Göttingen sind eben auch lauschende Entdeckungstouren in Unbekanntes, jedes Jahr aufs Neue, Motto hin oder her.

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