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Robert Wilsons „Dschungelbuch“ : Eine Wimper, um nicht damit zu zucken

Das Dschungelbuch nach dem Roman von Rudyard Kipling. Für Erwachsene und Kinder ab 8 Jahren. Bild: Lucie Jansch

Mowgli rennt in Düsseldorf seinen menschlichen Zieheltern davon. Aber wer soll sich diese Dschungelshow ansehen, wenn vor dem Wald nur steife Puritaner leben?

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          Wozu Augen im Dschungel gut sind – geschenkt. Ein Blindfisch säße unterm Blätterdach sofort auf dem Trockenen. Doch wie sieht’s aus mit dem Zweck von Wimpern? Was kann sich die Evolution denn dabei gedacht haben? Wenn man den Warnhinweisen der postkolonialen Literaturwissenschaft folgt und Rudyard Kiplings Geschichtensammlung „Das Dschungelbuch“ als Fibel für Imperialisten versteht, dann müsste eine werkgetreue Dramatisierung des Buches den Schauspielern jede Bewegung des Augenvorhangs aus Härchen untersagen: Eine Wimper hat man, um nicht damit zu zucken!

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Aber vielleicht ist die Interpretation, wonach der in Bombay geborene, zu Pflegeeltern nach England gegebene Kipling mit der Geschichte des Wolfsjungen Mowgli britischen Kindern das Versteifen der Unterlippe habe beibringen wollen, auch nur so eine Geschichte.

          In Robert Wilsons Revuefassung des „Dschungelbuchs“, deren Besuch das Düsseldorfer Schauspielhaus Kindern vom Alter von acht Jahren an empfiehlt, weisen die aufgeklebten, stachelig abstehenden Wimpern Mowgli (Cennet Rüya Voß) als Naturtalent aus. Solche Sternenkränze schmücken auch die Sehwerkzeuge der Wolfseltern, des Panthers, des Tigers, des Elefanten und sogar der Schlange.

          „The Law of the Jungle“

          Die Welt jenseits des Dorfes ist hier das Reich der Show, die paradiesische Biosphäre vor dem Sündenfall der Geschlechtertrennung, wo der Crooner im schwarzen Ganzkörperanzug seine innere Dietrich kultiviert und auch der tapsige Clown davon träumt, sich aus dem Bärenfell zu schälen. Dem Kind der Wildnis, weder als Junge noch als Mädchen identifizierbar, ist die Bühnenkarriere ins weißgeschminkte Gesicht geschrieben, beziehungsweise sie wächst ihm daraus hervor, in Gestalt einer grafischen Geste.

          Sehen und gesehen werden: Ron Iyamu, Judith Bohle, Sebastian Tessenow, Takao Baba, Cennet Rüya Voß und Rosa Enskat

          Wir lernen, dass Gesten angeboren sein können. Die Figuren sehen schon so aus wie das, was der Arrangeur ihnen zu tun gibt: Wie die Wimpern spreizen sie ihre Gliedmaßen. Die Show darf nicht weitergehen, sondern tritt auf der Stelle, weil das Leben ins Bild einer Kette von Auftritten gebannt wird. Stars werden geboren, indem sie in vorauseilender Mimikry das aufgerissene Auge des Zuschauers imitieren. „The Law of the Jungle“ heißt eines der Lieder, die das Duo CocoRosie für Wilson komponiert hat. Das Gesetz seines Dschungels ist und bleibt die Geste, die abgekürzte Bewegung.

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