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Verdis „Otello“ in Baden-Baden : Es steht ein Elefant im Raum

  • -Aktualisiert am

Desdemona (Sonya Yoncheva) und Otello (Stuart Skelton) in Robert Wilsons Verdi-Inszenierung in Baden-Baden Bild: Lucie Jansch

In Baden-Baden wird Giuseppe Verdis „Otello“ von Robert Wilson regelrecht kartografiert. Sonya Yoncheva glänzt als Desdemona. Zubin Mehta überwältigt mit den Berliner Philharmonikern durch Subtilität.

          Wäre der Titel „Die Vermessung der Welt“ nicht schon vergeben, man müsste ihn als Motto über Robert Wilsons Inszenierung von Giuseppe Verdis „Otello“ zur Eröffnung der Baden-Badener Osterfestspiele setzen: eine Kartografie aus Zeichnung und Farbe. Linie und Kreis erweitern sich durch Reihung (Arkadenreihen werden zum Dogenpalast) und Kugelform (eine Art Weltkugel erinnert an die barocke Idee vom Welttheater) ins Räumliche und gewinnen Bildnis- und Zeichencharakter. Fast schwarz ist die Bühne, schwarz sind die Protagonisten in den Kostümen von Jacques Reynaud und David Boni, nur Desdemona trägt unschuldiges Weiß und ist zugleich ganz weiß geschminkt. Sie könnte aus einem elisabethanischen Gemälde stammen. Otellos Raserei hat gleichfalls eine eigene Farbe: Blutrot hängt die Kugel jetzt als Scheibe über der Bühne, wenn er seine junge Frau verflucht. Blau- und Grautöne in allen Schattierungen mischt Wilson gleichsam als eigene Spur auf der Projektionswand der Bühnenrückseite.

          Was hier vermessen wird, ist nichts weniger als ein Leben zum Tod, die Agonie eines Liebespaars. Bewegungen erstarren im Moment, Schattenrisse fordern von den Darstellern höchste Konzentration und Körperbeherrschung. In ihrer stilisierten Handhaltung mit den gespreizten Fingern gleichen die Protagonisten Marionetten an unsichtbaren Fäden des Schicksals.

          Nahe kommen sich Otello und Desdemona nur in einer großartig ausgezirkelten, in Zeitlupe ausgeführten Hand- und Armbewegung – sie am Ende des ersten Aktes, er im Finale – bei dem Wort „Kuss“: Liebe ist hier kein körperlicher Überwältigungsakt als vielmehr ein langer und mühsamer Prozess der Annäherung, der Erkenntnis und schließlich des Entsetzens über den jeweils anderen.

          Fragen über Fragen in der Pause und danach

          Wenn dann Desdemona mit der berückenden Sonya Yoncheva im vierten Akt ihr „Weidenlied“ singt, dann glaubt auch der Zuschauer schlagartig zu verstehen, dass Wilson sein verzögertes Spieltempo aus dem inneren Metrum von Desdemonas Todesahnung abgeleitet hat. Auf diesen Moment läuft sein Requiem für junge Liebende von Anfang an hin, er ist musikalischer, emotionaler und dramaturgischer Ziel- und Höhepunkt. Auch der mit einer kraftvollen Stimme gesegnete Stuart Skelton, der mit dieser Rolle sehr vertraut ist und ihren psychischen Ausnahmezustand in zunehmend wahnhaften Ariosi erlebt, ist hier wieder in bestechender Form, auch wenn er vielleicht nicht seinen allerbesten Tag hatte. Vladimir Stoyanov als Jago verkörpert einen unerschütterlichen Finsterling, der in seinem Credo alle Register des Bösen zieht und in seiner Gemeinheit nicht zu bremsen ist.

          Ein Rätsel bereitet Wilson dem Publikum mit einem Video-Vorspiel vor der ouvertürenlos einsetzenden Oper. Wir sehen einen Elefanten, der vor Beginn einmal mit dem Auge zwinkert. Dann pfeift ein elektronisch erzeugter Sturm, der Vorhang hebt sich, und auf der Bühne liegt jetzt ein Elefantenkind – tot. Zurück ins Video, der Sturm wird heftiger, dem großen Elefanten fliegen bald die Ohren davon, doch dann kippt er langsam um, stirbt wie sein Baby. Ist der Sturm in Verdis „Otello“ so grundumstürzend, dass er die gesamte Natur umfasst? Eine Art Apokalypse also? Oder wollte Wilson auf dem Umweg über den Elefanten auf die Herkunft Otellos aus Afrika hinweisen? Oder soll das mächtige Tier den Tod des Titelhelden vorwegnehmen? Fragen über Fragen in der Pause und danach. Schwarz ist Seine Mohrenschaft jedenfalls nicht. Auch er könnte ein elisabethanischer Feldherr sein.

          Verdis psychologische Einsicht, zur Diagnose erhoben

          Das Schönste an Wilsons Inszenierung ist, dass sie der Musik alle Freiheit lässt, dass auch der brillante Philharmonia Chor Wien zusammen mit dem Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden nur dann auf die Bühne kommt, wenn er musikalisch gefragt ist. Und ihm gehört auch die einzige heitere Szene in all der Düsternis: das Ständchen mit vier Mandolinen zur Huldigung Desdemonas, in strenger symmetrischer Anlage. Zubin Mehta bringt die Berliner Philharmoniker in eine Verdi-Verfassung, die vollkommen dem Requiem-Charakter der Inszenierung entspricht.

          Im unaufgeregten Dirigat Mehtas gerät Verdis späte Oper auf geradezu erschütternde Weise modern. Verdis instrumentale Subtilität wie das an Wagners „Tristan“ erinnernde Englischhorn in der Einleitung des vierten Aktes mit dem späteren Echo der Oboe, der vier Violoncelli zum ersten Duett Desdemona/Otello und der wahrhaft thrillerartigen Kontrabässe beim langsamen Näherkommen von Otello im Finale wirken hier dramatischer als die heftigen Bläserfanfaren und der Gewittersturm am Anfang, weil sie Verdis psychologische Einsicht zur Diagnose erheben. Oft zittert die Musik nur im Tremolo der Streicher, und man schaudert in eigener Todesangst.

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