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„Jakob von Gunten“ in Zürich : Der devoteste Revolutionär aller Zeiten

Die Zürcher Zöglinge in einer Besserungsanstalt der subtileren Art: Hans Kremer, Michael Maertens, Stefan Kurt und Iñigo Giner Miranda. Bild: Matthias Horn

Barbara Frey inszeniert im Schiffbau ihre Fassung von Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“ als schräges Fest für ein brillantes Starensemble mit einigen Doppelrollen.

          Der „Jakob von Gunten“ ist von allen Romanen, die der wundersame Robert Walser geschrieben hat, der rätselreichste, wundersamste, auch widersprüchlichste. Denn hier begehrt einer auf gegen die herrschenden Verhältnisse, indem er sich ihnen unterwirft, vollständig, hingebungsvoll und nicht ohne Wollust. Hier beugt sich einer allen Ansprüchen, indem er sie unterwürfigst in ihr Gegenteil verkehrt: Da er es zu etwas bringen soll, will er es mit Fleiß zu nichts bringen. Wo er etwas Sinnvolles leisten soll, leistet er mit Feuereifer vollständig Sinnloses. Da er sich emporkämpfen soll, kämpft er sich entschlossen nach unten. Und weil ja irgendetwas doch aus ihm werden muss, will er zu einer „reizenden, kugelrunden Null“ sich bilden. Dem allgegenwärtigen Erfolgsdruck begegnet er mit dem größten Versagensehrgeiz. Er kann nur unten atmen. Im Getriebe der Gesellschaft will er nicht Sandkorn sein, sondern das Quentchen überschüssiges Öl, das geschmeidig vom Zahnrad tropft. Robert Walsers Jakob von Gunten ist der devoteste Revolutionär der Literaturgeschichte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Theater liebt Figuren wie ihn. Die Zahl der Dramatisierungen, die der schmale Roman erlebte, dürfte mittlerweile zweistellig sein. Hermann Hesse, der den Roman kurz nach Erscheinen 1909 rezensierte, fühlte sich von Walsers „Wiederholen und beinahe verbrecherhaftem Umkreisen dunkler Punkte im eigenen Wesen“ an Knut Hamsun erinnert, und noch der namenlose Ich-Erzähler in Christian Krachts antimoderner Auslöschungsphantasie „1979“ ist ein ferner Nachfahre Jakob von Guntens. Kracht, der in der Schweiz aufwuchs und einige Internatserfahrung besitzen soll, lässt seinen Antihelden in einer Besserungsanstalt der besonderen Art enden, einem chinesischen Straflager. Robert Walser dachte sich Subtileres aus: das Institut Benjamenta.

          Gewaltig: Herr Benjamenta (Hans Kremer, r.), der Vorsteher des Hauses

          Die Bühnenbildnerin Bettina Meyer hat einen hallenartigen Flur in den Zürcher Schiffbau gesetzt, der sich ansteigend und spitzwinklig nach hinten verengt und auf ein hohes, schmales Fenster zuläuft. Zweimal wird es geöffnet an diesem Abend: Beim ersten Mal drängt brutaler Straßenlärm herein, beim zweiten Mal das zarte Krächzen gleitender Möwen. Eine reale Außenwelt gibt es nicht. Sie existiert in Barbara Freys Inszenierung nur als Schreckbild oder idyllisches Phantasma.

          Das schmale Fenster ist das einzige im Raum, in den rechts und links jeweils mehrere Türen führen, über denen in großer Höhe lukenartig kleinere Türen angebracht sind. Sie werden sich später ab und an wie Läden öffnen, hinter denen die Institutsleitung hockt, horcht, lauert, träumt und auch leidet. Denn bei Robert Walser dürfen auch Lehrkräfte Leidenschaften und Sehnsüchte haben. Während Stefan Kurts Fräulein Benjamenta an vor Liebesmangel vertrocknetem Herzen stirbt, wird Hans Kremer als ihr Bruder am Ende den Aufbruch wagen: Benjamenta will in der Wüste ein neues Leben beginnen, mit dem willigen Jakob als kleinem dienstbaren Cherubim an seiner Seite. Die homoerotische, wohl auch sadomasochistische Note dieser rätselhaften Beziehung wird in Zürich kaum angedeutet.

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