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„Die Hauptstadt“ auf der Bühne : Wie man eine Sau durch Brüssel treibt

  • -Aktualisiert am

Das kleine, äußerst kreative und rührige Zürcher Neumarkt-Theater bringt „Die Hauptstadt“ auf die Bühne. Bild: Barbara Braun/ MuTphoto

Nicht einmal fünf Monate nach der Veröffentlichung des Romans kommt Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ins Zürcher Neumarkt-Theater. Wie aber Kommissionslyrik und Verordnungsprosa auf die Bühne bringen?

          Macron, Juncker, Merkel und natürlich Martin Schulz: Nach Brexit und Trump hat der europäische Gedanke wieder Konjunktur. Robert Menasse, der engagierteste Fürsprecher Europas im Lager der politisch bewegten Schriftsteller, beschrieb in seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ mit pragmatischem Realismus und Enthusiasmus das (fiktive) Big Jubilee Project der EU als eine Art Musilsche Parallelaktion: mit Möglichkeitssinn, Geschichtsbewusstsein und ein paar Gran spätkakanischer Ironie vorwärts in eine bessere europäische Zukunft. Kein Moloch-Klischee, keine krumme Normbanane soll uns aufhalten. Dafür bekam er zu Recht viel Beifall und den Deutschen Buchpreis 2017. Normalerweise dauert es ja mindestens ein Jahr, bis der Buchpreissieger ins Theater kommt; in diesem Falle lagen nicht einmal fünf Monate zwischen Buchveröffentlichung und Uraufführung.

          An der Volksbühne wurde „Die Hauptstadt“ schon im November von prominenten Schauspielern wie Bruno Ganz, Joachim Król und Anne Tismer in einer fünfzehnstündigen Mammutlesung dargereicht. Das Recht der ersten Theaternacht aber sicherte sich eine Schweizer Bühne: das kleine, äußerst kreative und rührige Zürcher Neumarkt-Theater. Wie aber soll man nun, zumal außerhalb der EU, die Ränkespiele von Bürokraten, Politikern und Lobbyisten, wie Kommissionslyrik und Schweinezuchtverordnungsprosa auf die Bühne bringen? Menasses Roman ist zweifellos unterhaltsam, oft sogar ausgesprochen bühnenaffin. Er würzt seine Brüssel-Satire immer wieder mit komischem Senf und dramatischen Momenten, etwa einem Krimiplot und einem durch Brüssel laufenden Schwein.

          Vielleicht zu viel geredet

          Im Roman kann man an diesen Running Gag zwanglos bizarre Details über Schweinefleischexportquoten knüpfen und die „Universalmetapher“ Schwein als Spar- und Glücksschwein, Judensau und Nazischwein durchdeklinieren. Aber wie soll man im Theater eine Sau durchs Weltdorf treiben, wie Reden, Referate, Memoranden in bühnenreife Szenen und Dialoge übersetzen?

          Tom Kühnel hat zunächst einmal: kein Schwein. Nur den britischen Kommissar, der im rosaroten Schweinchenkostüm die europäischen Schweinekriege in einen Shakespeare-Schurkenmonolog übersetzt. Das ist ein wenig enttäuschend, aber nicht unplausibel, weil das Schwein ja auch bei Menasse nur „Querschnittmaterie“ ist, Projektionsfläche für Interessen und Phantasien. Obwohl an diesem Abend naturgemäß viel, vielleicht zu viel geredet wird, gibt es auch einiges zu sehen: über zwanzig Figuren und wohl ebenso viele Genres und Spielformen. Die Bühne ist ein rauchgeschwärztes Globe Theatre, halb Hölle, halb Circus Maximus, dessen Bodenfläche geschickt mit Videoprojektionen bespielt wird: nasse Straßenpflaster, Europaflaggen, Smartphone-Schnappschüsse.

          Der Rettungs- ist ein Regenschirm

          Das sportliche Kräftemessen zwischen Xenia, der ehrgeizigen zyprischen Büroleiterin für Kultur und Kommunikation, und dem aristokratisch perfiden Ex-Olympiafechter Strozzi findet auf der Planche statt, der deutsch-englische Schweinekrieg stilgerecht auf dem Tennisplatz. Der Rettungs- ist ein durchsichtiger Regenschirm, der Krimi um Kommissar Brunfaut schillert zwischen Film noir, Kasperletheater und Horrorthriller, und die Liebe unter Kommissaren ist ein nüchternes Hollywood-Melodram. Der ungarische Protokollchef tänzelt wie ein feuriger Sohn der Puszta; so wird das Jubilee-Project in Grund und Boden getanzt: eine diplomatische Schweinerei.

          Kühnel hat zusammen mit seinem Dramaturgen Ralf Fiedler eine Textfassung erstellt, die sich eng an die Vorlage hält. Zwar verliert der 450-Seiten-Roman auf der Bühne einiges an satirischem Unterfutter, Alltagsbeobachtungen und historischer Tiefenschärfe, aber über drei Stunden polyphon-internationale Brüssel-Revue in Short-Cuts-Manier sind mehr als genug.

          Weltentrückter Tollpatsch

          So munter sich die Wege und Klingen kreuzen: Fast alle Figuren sind umwölkt von leiser Melancholie und abgründiger Einsamkeit. Der depressive Holocaust-Überlebende David de Vriend wird von einem stummen Kind im Maßanzug gespielt; das gibt ihm eine geisterhafte Zerbrechlichkeit und kitschfreie Würde. Marie Bonnet überzeugt als forsche Quotenfrau Xenia mit leichten Identitätsproblemen, Martin Butzke spielt schön traurig ihren schwermütigen Referenten Martin und in Personalunion auch dessen Bruder, den cholerischen Schweinelobbyisten. Am Ende greift Professor Erhard, bei Sarah Sandeh ein weltentrückter Tollpatsch mit speckiger Aktentasche und angebissener Normgurke, zu visionärem Predigerpathos: Das Nie wieder soll ein „Versprechen für die Ewigkeit“, Auschwitz Gründungsmythos und Hauptstadt einer erneuerten EU werden.

          Kühnel entlässt uns nicht ganz ohne Hoffnung. Zwar wird die große europäische Idee von den „Experten des Status quo“ zerpflückt und vom Apparat geschluckt wie die Europasterne auf dem Boden vom Roboterstaubsauger: „Warum die Juden, warum nicht Sport?“ Aber am Ende machen alle eifrig mit bei der zeitverzögerten Aufführung der Europahymne auf einem Touchscreen-Klavier. Autor Menasse zeigt sich beim Schlussapplaus jedenfalls sichtlich gerührt. „Ein Europa ohne Schweiz ist unvorstellbar“ sagte er vorab in einem Interview. „Die Hauptstadt“ ist auch gut ohne Theaterfassung vorstellbar, aber es ist schon lustig und gut, dass ausgerechnet die Schweiz als erste „Visibilité“ und Flagge zeigt.

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