https://www.faz.net/-gqz-96u3k

Wagners „Ring des Nibelungen“ : Geborgen in einem Kokon aus Klang

  • -Aktualisiert am

Was die Nornen nicht schaffen, schafft Christian Thielemann: Er hält Wagners Welt zusammen Bild: Klaus Gigga

Erfahren, gelassen und weniger viril verpanzert: Christian Thielemann dirigiert den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner an der Semperoper in Dresden – aufgeführt auf formidable Weise.

          Eben ist Wotan verbittert hinausgestürmt, und Brünnhilde, die Lieblingstochter, bleibt in den wenigen Minuten, bevor sie Siegmund seinen bevorstehenden Tod verkünden wird, „erschrocken und betäubt“ allein zurück. Nein, nicht wirklich allein, sondern mit dem Orchester: Das Englischhorn, grundiert von Fagotten und tiefen Streichern – bald kommen feierliche Posaunenakkorde hinzu –, singt eine fassungslos traurige Melodie von den verlorenen Illusionen einer jungen, privilegierten Frau, die genau in diesem Moment entdeckt, dass ihre bisher so homogene Welt auf einen Schlag auseinandergefallen ist; dass nie wieder etwas so sein kann, wie es bisher war. Weder Waldweben noch Walkürenritt oder Siegfried-Trauermarsch: keine der großen Orchesternummern, von denen man sich immer neu gern überrollen lässt, sondern ein kleiner, anekdotischer Durchgang, der zum großen seelischen Übergang wird – und den man in dieser „Walküre“-Aufführung Christian Thielemanns mit der Dresdener Staatskapelle vielleicht das erste Mal überhaupt bewusst, aber sicher das erste Mal so eindringlich schmerzlich hört.

          Es wird ja ziemlich viel – man darf mit einigem Recht sagen: zu viel – geredet im „Ring des Nibelungen“. Aber das Wesentliche vermitteln dennoch kaum je die Worte und oft nicht einmal die vokalen Linien, die Richard Wagner ihnen mitgegeben hat, sondern die Instrumente. Thielemann ist inzwischen mit fast traumwandlerischer Sicherheit in diesen Kosmos hineingewachsen als einer der nicht nur aktuell besten, sondern mittlerweile auch erfahrensten Wagner-Dirigenten, der im Umgang mit dessen Musik eine große, gelassene Selbstverständlichkeit entwickelt hat.

          Die Farbpalette ist reicher geworden

          Der „Ring“ in der Semperoper ist, nach diversen Einzelaufführungen in den Jahren seit seinem Dresdner Amtsantritt 2012, Thielemanns vierter. Wien und Bayreuth, nicht gerade Nebenschauplätze, gingen voran; am Anfang aber stand Berlins Deutsche Oper in der (kürzlich nach 33 Jahren endgültig ins ewige Archiv abgelegten) „Zeittunnel“-Inszenierung Götz Friedrichs, und auch damals, vor knapp zwanzig Jahren, habe ich Thielemann damit schon gehört. Erinnerlich ist mir eine im Gestus drahtig-energische, auf kontrastierende Klangfarben setzende Orchesterführung; ein „Ring“ aus dem Geist jener Jahre, wo Wagner – vor 9/11 – im Kontext einer eisern fortschrittsgläubigen, sich selbst als weltoffen begreifenden Gesellschaft gehört wurde, die sich gerade in der Aneignung eines seltsamen neuen Gerätes – volkstümlich „Handy“ genannt – schulte.

          Die enorme Farbpalette ist geblieben und noch reicher geworden, aber inzwischen klingt sie anders: weicher, fließender und auch melancholisch-verletzbarer, weniger viril verpanzert. Natürlich ist der pure, eitel-selbstreferentielle Glanz, mit dem beispielsweise das trompetengleißende Schwert-Motiv aus seinem Background aufragt, unvermindert derselbe. Doch es geht eben nicht nur um solche monolithischen Sammlungspunkte, die eher als Felsriffe im Klangkontinuum stehen, sondern um die Partitur als Ganzes; und die flutet jetzt, in Dresden, noch organischer, hypnotischer, Ohren und Sinne tranceartig einspinnend.

          Die „schönen“ – und das will in unserer vom prägnanten ersten Eindruck besessenen Zeit erst einmal heißen: effektvollen – Höhepunkte der vier Abende stehen ja zu Teilen in der Erbfolge Beethovens, Webers und nicht zuletzt des von Wagner so selbsthasserisch gehassten Meyerbeer; doch seine Prägung erhielt Wagner gleichermaßen vom Belcanto, von den – mit einem von ihm selbst geliebten Wort – „sehrenden“ Melodien etwa eines Bellini. Indem er sie von ihren metrischen Fesseln entbunden und gleichzeitig menschliche Stimmen auch in die des Orchesters hereingeholt hat, entwickelte er seinen fast unbegrenzt knetbaren, jeder Liebes- und Leidensintensität zugänglichen vokal-instrumentalen Mischklang.

          Weitere Themen

          Eine Stimme voller Drama

          Zum Tod von Theo Adam : Eine Stimme voller Drama

          Der Bassbariton Theo Adam sang Götter, Helden und Schurken. Er verlieh ihnen die Größe seiner eigenen strahlenden Erscheinung. Nicht nur seine Heimatstadt Dresden war stolz auf ihn. Jetzt ist der Wagner-Sänger von Weltrang mit 92 Jahren gestorben.

          Der Kollaborateur am Klavier

          Rechte Gesinnung in der Musik : Der Kollaborateur am Klavier

          Blut, Wollust und Tod als politische Poesie: Alfred Cortot hätte als großer Pianist in Erinnerung bleiben können. Aber er stellte sich in den Dienst des Okkupationsregimes in Frankreich. Die Franzosen haben ihm das lange nicht verziehen.

          Topmeldungen

          Will sich über Social-Media-Kanäle in China einen Namen machen: die Seniorin Wang Jinxiang bei einer Aufnahme in Peking.

          Hinter der Mauer : So anders ist das Internet in China

          In keinem Land der Welt sind so viele Menschen online wie im Reich der Mitte. Sie nutzen das Internet meist viel intensiver – doch sie sehen ein komplett anderes als wir in Europa.
          Spiel mit dem Feuer: „Gelbwesten“ legen Straßensperren in Angers

          Trotz Bürgerdialog : Zehntausende „Gelbwesten“ auf der Straße

          Es ist das zehnte Wochenende in Folge, an dem die sogenannten Gelbwesten gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrieren – trotz Macrons Initiative für einen Bürgerdialog. Und es kommt wieder zu schweren Ausschreitungen.
          Torschütze in der Jubeltraube: Axel Witsel (Mitte) erzielte den wichtigen Treffer für den BVB.

          1:0 in Leipzig : Dortmund macht völlig unbeeindruckt weiter

          Winterpause? Egal. Druck von den siegreichen Bayern? Egal. Borussia Dortmund bleibt mit sechs Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze der Bundesliga. In Leipzig kommt es zu einer spektakulären Schlussphase.

          Tausende Frauen demonstrieren : „Wir sind noch immer hier“

          Während für Donald Trump die erste Halbzeit seiner Amtszeit vorbei ist, demonstrieren Tausende Frauen Geschlossenheit und zeigen abermals Flagge gegen den Präsidenten. Doch unter der Oberfläche der Bewegung brodelt es.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.