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Rimini Protokoll und „Granma“ : Erst kommt die Revolution, dann die Erkenntnis

Fechten für die Freiheit: Daniel, Christian, Milagro und Diana Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Wie die Grenzen eines Lebens aufzeigen, in das man irgendwann, am Ende der Spielzeit, zurückkehren möchte? Das Theaterprojekt Rimini Protokoll macht vier junge Kubaner zu Experten des Umsturzes.

          Fast sieht es aus, als folge nach dem Ende erst die eigentliche Attraktion, so dicht sitzen nach zwei Stunden in der Kaserne Basel noch immer die Zuschauer und warten auf das Gespräch mit den Darstellern. Eine Tür weiter, unweit der Bar, reimt ein Rapper passend, nur anders, auf Schweizerdeutsch zum Thema Heimat. Drinnen wollen die, die Spanisch können, auch Spanisch reden, und die, die schon in Kuba waren, die sich an die salzige Brise auf Havannas Seepromenade Malecón erinnern, wissen: Wie war das nun mit der Zensur? Im Saal schwebt die Hoffnung, die jungen Kubaner könnten jetzt, nach dem offiziellen Teil, frei sprechen. „Ja, es gibt Zensur“, erwidert der Dramaturgieassistent Ricardo Sarmiento sachlich. „Aber wir zeigen hier nicht politische Geschichte, sondern die unserer Großeltern.“

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie auf einer Theaterbühne im Ausland eine Heimat beschreiben, die Oppositionelle einsperrt? Wie die Grenzen eines Lebens aufzeigen, in das man irgendwann, am Ende der Spielzeit, zurückkehren möchte, vor einem Publikum, das mit einiger Verklärung darauf blickt?

          Eigentlich sollte bei dem Projekt „Granma. Posaunen aus Havanna“ sechzig Jahre nach der kubanischen Revolution die Generation der Zeitzeugen zu Wort kommen. Eine Theatergruppe aus Havanna, das „Laboratorio Escénico de Experimentación Social“, wandte sich 2016 mit der Idee an das Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll. Dokumentarisches auf die Bühne zu bringen, wie es der Regisseur Stefan Kaegi bereits in vielen Ländern getan hat, ist in Kuba schwierig. Die etablierten Theater sind staatliche Häuser, und unabhängigen Projekten fehlt die Förderung. Jede Probe muss genehmigt werden, selbst für private Aufführungen sind staatliche Kontrollen vorgesehen. Kaegi sagte zu. Ein Jahr lang entwickelte die Gruppe, zu der auch Aljoscha Begrich und die Kubanerin Yohayna Hernández González, Dramaturgen am Gorki-Theater, gehören, das Projekt in Havanna. Als das Dach des Hauses, in dem sie probten, einstürzte, suchten sie ein neues Domizil.

          Generation ohne Sprache

          Aber so, wie das Stück angelegt war, wären die Jungen, die im staatlichen Theater Kubas ohnehin kaum Platz finden, ohne Sprache geblieben. Den Diskurs hätte wiederum die „historische Generation“ bestimmt. Also beschloss man, die jungen Kubaner – Laien, wie es bei Rimini-Projekten üblich ist – von ihren Großeltern und deren Rolle während der Revolution erzählen zu lassen. Der Blick der Gegenwart sollte als Filter dienen.

          „Du musst studieren, weil du schwarz bist“, sagte Milagros Großmutter zu ihr, als sie ein Kind war. Wenn sie damit fertig ist, wird sie als Historikerin umgerechnet sechzehn Dollar im Monat verdienen, so viel wie ein Touristenführer in Havannas Altstadt. Christians Großvater war sein halbes Leben lang Pilot in der Armee. Diana ist wie ihr Großvater Musikerin geworden. Und Daniel, der Enkel des Revolutionspolitikers Faustino Pérez, macht Animationsfilme, von denen er nicht leben kann. Aber im Theater projiziert er seine Figuren auf die Leinwand und spielt mit ihnen die Entfremdung seines Großvaters von Castros Regierung nach.

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