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Wagners „Meistersinger“ : Die Hebebühne als poetisches Ding

Pack den Leisten in den Tank: Hans Sachs (Wolfgang Koch) lernt von Walther von Stolzing (Jonas Kaufmann, mit Sara Jakubiak), wie der Laden läuft. Bild: Imago

Bewegte Bilder aus der Wirtschaftswunderzeit: Kirill Petrenko und David Bösch bringen in München die Komödie der „Meistersinger von Nürnberg“ kräftig ins Rollen.

          Repräsentanten künstlerischen Stillstands? Gralshüter einer erstarrten Bürgerkultur? Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ sind im Münchner Nationaltheater Avantgardisten einer mobilen Gesellschaft, Fortschrittmacher und Vollgasgeber. Es ist die zwölfte Neuinszenierung der Oper am Ort ihrer Uraufführung vor 148 Jahren. Auf der Baustelle der Freilichtbühne im ersten Aufzug parkt ein Lieferwagen der Traditionsfirma Meisterbräu. Der Juwelier Pogner (Christof Fischesser hat Gold und Stahl in der Kehle) setzt auf Schmuck für die Herren und hat ein Autohaus aufgemacht. Er ist sich nicht zu fein, seinen Namen auf seinen schwarzen BMW zu kleben, und kann sich die Hostessen sparen, weil er seine Tochter Eva hat, deren Hand er als Preis für den Sieger im Sängerwettkampf auslobt. David, Schusterlehrling und Klangmusterschüler der Meisterzunft, hüpft auf einem Mofa zur Arbeit. Die Schusterwerkstatt ist eine Blechkiste auf Rädern, Hans Sachs ein fahrender Händler und Poet dazu.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Auch wer auf Freiersfüßen wandelt, braucht in dieser Stadt einen fahrbaren Untersatz, wie ihn Sixtus Beckmesser mitbringt, der von Vater Pogner protegierte Brautwerber, als er im zweiten Aufzug vor dem Pognerschen Hause erscheint, um Eva ein Probeständchen darzubringen. Wie im ersten und im dritten Aufzug erfreut der Anblick einer Bühne auf der Bühne. Beckmesser hat sich auf der Baustelle eine Plattform geborgt, die sich senkrecht ausfahren lässt: eine Hebebühne.

          Er möchte der Adressatin des Liedes, die er auf dem Balkon des Vaterhauses vermutet, auf dem Niveau begegnen, wo eingebildete Eigenwerber auf kampflosen Sieg spekulieren: auf Augenhöhe. Der prosaische Gegenstand vom Bauplatz wird in David Böschs ebenso einfallsreicher wie stimmungsvoller Inszenierung zum poetischen Ding. Das gelblackierte kompakte Gerät entfaltet sich, wie von Zauberhand berührt, in filigraner Transparenz. Die Aufstiegsmaschine steht für den technischen Aufwand, den die Meistersinger mit ihren Tabellen, Musterlisten und Regelkreidekreisen betreiben – im Unterschied zum Vogel, dem Lehrmeister des adligen Naturburschen Walther von Stolzing, der sich aufschwingt, wenn ihm danach ist. Die Umständlichkeit des Kunstübungswesens wirkt rasch albern, aber die Tüftelei regelkonformer Anstrengung hat auch etwas Rührendes und Erhebendes.

          Nicht Reue, sondern Lebenslust

          Diese kontrastierenden Empfindungen stellen sich ein, als die Hebebühne zum doppelten Einsatz gelangt. Sachs kommt Beckmesser zuvor und zwingt ihn in einen Wettkampf vor dem Wettkampf, den er perfiderweise nicht gewinnen will. Das Klagelied über die Urmutter, die es den Menschen eingebrockt hat, dass sie sich Schuhe machen lassen müssen, richtet sich wie der von Beckmesser präparierte Lobpreis der Morgenröte an Eva Pogner, die mit ihrem Walther auf Davids Mofa schon das Weite suchen will, weil das zünftige Nürnberg für eine Frau wie sie kein Paradies ist.

          Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak, seit 2014 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, ist eine frappante Eva, die in Erscheinung und Stimme nichts Mädchenhaftes hat. Mit den roten Haaren und den wie von Riemenschneider geschnitzten Zügen erfüllt sie eher den Typus einer Maria Magdalena, und wie Kundry Parsifal umschlingt sie Sachs bei der innigen Beschwörung ihrer ungenutzt vorbeigegangenen Familiengründerzeit. Nicht Reue lodert in ihrer Stimme, sondern Lebenslust. Mit einer feurigen Gloriole malt man sich den Engel aus, der Sachs in der dritten Strophe mit himmlischen Aufträgen über die Missachtung hinwegtröstet, auf die seine Literatur der Arbeitswelt in der weltläufigen Kritik stößt.

          Soll dieser Ausgang schicksalhaft sein?

          Hoch über der Leuchtreklame des Schusterwagens dankt er seinem Schutzgeist: „Wenn mich der im Himmel hält, / dann liegt zu Füßen mir die Welt, / und bin in Ruh.“ Wir sehen die Himmelfahrt des Hans Sachs. Die altmodische Ballade ist die Sublimierung seiner Liebe zu Eva. Wolfgang Koch gewinnt der Riesenpartie immer neue Schattierungen der Melancholie ab, wie sie uns Meister Dürer gezeichnet hat. Fast in Ruh ist er auf dem provisorischen Turm, nur ein leises Beben des massigen Körpers deutet die Gewalt an, die in die Selbstdisziplin fließt. Der schlanke Beckmesser dagegen, als er endlich die Saiten seiner absurden Winzgitarre schlagen darf, versetzt die Aussangsplattform in gefährliches Schwanken.

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