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Wagners schönste Stellen (9) : „Siegfried“, 2. Aufzug, 3. Szene, Takte 574ff

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Der Waldvogel verriet Siegfried nicht nur, wie er zu Brünnhilde gelange, er verriet ihm auch, wie ihr Herz zu erobern sei. Niemand zwitscherte das schöner als die große Joan Sutherland.

          3 Min.

          In meinem letzten Interview mit Armin Mueller-Stahl vor acht Wochen kamen wir auch auf Richard Wagner zu sprechen, eher zufällig - und daraus entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Obwohl Mueller-Stahl vor zwei Monaten aktiv bei der Richard-Wagner-Gala in Weimar mitwirkte, ist er mit dem großen Deutschen nie wirklich warm geworden: „Das viele Blech, was Wagner benutzt, das Heldenhafte, was er in vielen seiner Stücke hat - das schafft in mir keine Befreiung und kein inneres Wohlbefinden, dagegen habe ich Widerstände!“

          Nun, ganz ehrlich (welch ein Outing an dieser Stelle im Wagner-Jahr): Ich könnte das fast unterschreiben, aber das ,fast’ macht in meinem Falle doch einen großen Unterschied aus. Kann ich bis heute (weitere Jahre bleiben aufgrund eines doch immer noch hoffentlich vorhandenen Reifeprozesses abzuwarten) auf „Parsifal“ oder „Meistersinger“ durchaus verzichten, gehen „Holländer“, „Tristan“ oder „Lohengrin“ weit über das Maß des Erträglichen hinaus.

          Joan Sutherland und „Siegfried“

          Aber: Es gibt eine Wagner-Oper, nach der ich regelrecht süchtig bin - und das ist auch beileibe keine kurze. Während ich die anderen drei Teile des „Rings“ zur Not auch entbehren könnte, ist für mich „Siegfried“ geradezu elementar, er ist nahezu Note für Note in meinem Kopf und meinem Herzen.

          Woran liegt’s?

          An Joan Sutherland, meiner ganz persönlichen Primadonna assoluta!

          Joan Sutherland? Eine der größten Koloratur- und Belcanto-Spezialistinnen aller Zeiten?

          Ja! Sie hat mir nicht nur den „Siegfried“ nahegebracht, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes herzhaft gemacht. Und zwar nicht mit ihrem in den siebziger Jahren entstandenen, leider insgesamt verunglückten Wagner-Album, sondern mit dem „Siegfried“ aus dem legendären „Solti-Ring“ mit den Wiener Philharmonikern. Über diese Aufnahme sich lobend zu äußern hieße Eulen nach Wahnfried tragen. Sie gilt immer noch als Großtat der Schallplattengeschichte, nicht zuletzt wegen der legendären Besetzung und der geradezu verschwenderischen Klangregie des Produzenten-Magiers John Culshaw.

          In den fünfziger bis siebziger Jahren konnte sich die Plattenfirma Decca wirklich auf eine Fülle an Opernstars verlassen, die Jahr für Jahr regelmäßig ins Studio gingen, um Paradepartien für die Nachwelt zu hinterlassen. Viele Aufnahmen sind legendär geworden. Es gab die Spezialisten für das „deutsche“ Repertoire (Georg Solti, Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen etwa, für Wagner oder Strauss), und es gab diejenigen für das „ausländische“, vor allem italienische Fach (Mirella Freni, Luciano Pavarotti und eben, immer wieder, Joan Sutherland).

          Hin und wieder gab es dann mal ein „Crossover“, wenn, zum Beispiel, Birgit Nilsson ihre Trompetentöne nicht der Brünnhilde, sondern der Lady Macbeth von Verdi lieh. Und Joan, die sonst für das Vogelzwitschern von Donizetti, Bellini und Rossini zuständig war, durfte in der „Ring“-Aufnahme von Solti, genau: weiterzwitschern, als Waldvogel, in „Siegfried“!

          Allererste Wagner-Lieblings-Oper

          Nachdem der Titelheld im Laufe des zweiten Aktes endlich dahintergestiegen ist, dass ihn sein Ziehvater Mime über Jahre hinweg belogen und betrogen hat, bringt er ihn kurzerhand um. Als der Weg endlich frei ist, heißt das Motto: „Nichts wie hin zur geliebten Brünnhilde!“ Die Frage ist nur: auf welchem Weg? Da hilft der Waldvogel aus der Klemme, denn seitdem Siegfried vom Blut des getöteten Drachen Fafner gekostet hat, kann er den Gesang der Vögel verstehen, und der Waldvogel als Chef der Zwitschergemeinschaft kennt natürlich alle Pfade - und löst nebenbei für Siegfried auch noch das Rätsel, wie er Brünnhildes Herz erobern kann:

          “Die Braut gewinnt,

          Brünnhild’ erweckt

          ein Feiger nie:

          nur wer das Fürchten nicht kennt!“

          Unser Held ist schlichtweg begeistert:

          “So wird mir der Weg gewiesen:

          Wohin Du flatterst,

          folg ich dem Flug!“

          Und, ehrlich: Auch ich habe mich von Waldvogel Joan Sutherland unglaublich gern verführen lassen. So und nicht anders muss diese Rolle in Wagners „Siegfried“ klingen. Jede andere Sopranistin in dieser Partie lässt im Vergleich dazu Federn. Und mag die Rolle auch noch so klein sein - dank der Sutherland hatte ich meinen ersten Wagner-Gänsehaut- Moment im Leben. Sie führte mich nicht nur mit Siegfried zu Brünnhilde, sondern auch Schritt für Schritt durch die ganze Oper, meine allererste Wagnerlieblingsoper.

          Nun ist Joan Sutherland nicht mehr.

          Aber vielleicht singt ja Diana Damrau in Zukunft mal die Eva in den „Meistersingern“. Ihr würde ich auch auf die Festwiese folgen!

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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