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Wagners schönste Stellen (8) : „Die Feen“, 2. Aufzug, Takte 949 und folgende

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Bild: Kat Menschik

Diese Uraufführung im Juli 1978 hat mich für immer geprägt: John Deathridge, Organist, Dirigent und Wagner-Forscher, präsentierte die von ihm in einem amerikanischen Archiv entdeckte Erstfassung der Ada-Arie aus den „Feen“.

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          Meine vom Vater geerbte Liebe zur Musik Richard Wagners wurde vor allem durch Daniel Barenboim während seiner achtzehn Bayreuther Jahre kräftig genährt. Und zwar so umfassend, dass ich nicht so recht in der Lage bin, meine Lieblingsstelle zu benennen, weil ich mich, zumal beim „Ring“, regelmäßig vom ersten bis zum letzten Ton elektrisiert fühlte und Zeit und Raum vergaß. Doch zuvor schon hatte mich ein Wagner-Erlebnis für immer geprägt: die Uraufführung einer bis dahin (nicht nur mir) unbekannten Arie. Dies geschah in einem Kirchenkonzert am 2. Juli 1978 in München in St. Wolfgang.

          Der Organist dort, John Deathridge, zugleich Dirigent des Konzertes, hatte vor Beethovens C-Dur-Messe eine „Szene und Arie (E-Dur) für Sopran und Orchester von Richard Wagner“ angekündigt. Wir hatten uns wenige Wochen vor diesem Ereignis kennengelernt, und ich half John das vom damaligen erzbischöflichen Ordinariat nur widerwillig genehmigte Konzert („Wagner passt nicht in eine katholische Kirch ...“) zu organisieren. Natürlich war die Organistenstelle in St. Wolfgang nicht seine eigentliche Mission.

          Erstfassung von „Rienzi“

          John forschte über Richard Wagner, genauer, er hatte zur Oper „Rienzi“ und deren Skizzen gearbeitet und ein grundlegendes Buch veröffentlicht: „Wagner’s Rienzi - a reappraisal on a study of the sketches and drafts“. In diesem Zusammenhang war er auf eine bis dahin unbekannte „Szene und Arie“ aus „Die Feen“ gestoßen, jener frühen Oper, die erst nach Wagners Tod in München uraufgeführt worden war. Schon bei dieser Uraufführung erklang die zentrale Arie der Feenkönigin Ada in einer Zweitfassung. Richard Wagner hatte nämlich diese Arie nach seiner schicksalhaften Begegnung mit der Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient in Leipzig 1834 noch mal neu komponiert.

          Doch es war die Erstfassung, die den jungen John Deathridge interessierte. Er suchte danach und fand tatsächlich in der Bibliothek des Curtis Institute of Music in Philadelphia ein von Wagner verfasstes handschriftliches Manuskript einschließlich der Orchesterstimmen. Weitere Forschungen ergaben, dass diese Erstfassung noch nie mit Orchester erklungen war. Was aber war das Besondere daran?

          Herzstück einer neuen Oper

          Als Wagner die „Feen“ komponierte, war er zwanzig Jahre alt, seine Vorbilder hießen Beethoven und Weber. Es verwundert also nicht, dass er nach seinem nicht vollendeten Erstling „Die Hochzeit“ nunmehr die treue Gattenliebe thematisch zum Herzstück einer neuen Oper machen wollte. Die Erstfassung der Feenköniginnen-Arie ist ganz unmittelbar Agathes von keinerlei Zweifel getrübten Arie „Wie nahte mir der Schlummer“ aus dem zweiten Akt des „Freischütz“ entlehnt. John Deathridge schrieb dazu in einem in der Zeitschrift Melos 1978 erschienenen Aufsatz: „Beide Stücke stehen vorwiegend in E-Dur und bilden das Herzstück des jeweiligen dramatischen Verlaufs. Darüber hinaus sind beide Monologe Frauen zugedacht, deren (zukünftige) Gatten gerade vor einer schicksalhaften Prüfung stehen. Wichtiger noch: Der fast naiv-überschießende und etwas sentimental getönte Optimismus Agathes und Adas geht auf ein anderes entschieden unsentimentales Vorbild zurück, nämlich auf Leonores Monolog aus dem ersten Akt des ,Fidelio’ (Abscheulicher, wo eilst du hin?), der ebenfalls in E-Dur steht, dramatisch zentral ist und eine über allen äußeren Hindernissen triumphierende Liebe glorifiziert.“

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