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Wagners schönste Stellen (5) : Tristan und Isolde, 2. Aufzug, 1.Szene, Takte 1-91

Bild: Kat Menschik

Die Schönheit der Natur kommt Isolde und Brangäne in den Sinn: Nur gute drei Minuten währt das Intermezzo. Es verlässt die Metaphysik der Triebe für eine Physik der Düfte, Töne und Farben.

          1 Min.

          Der Vorhang geht hoch - frische Luft kommt herein. Fort ist die Schwüle der Triebe, fort das Herzklopfen und Keuchen der begleitenden Streicher-Triolen, denen jeweils die erste Note fehlt. Sobald die kurze Einleitung zum zweiten Aufzug von „Tristan und Isolde“ vorbei ist, weitet sich der Raum. Jagdhörner blasen von fern, aber Gedanken und Blut finden Ruhe. Aromatisch-süß schichten sich die Terztrauben der Hörner zu Septimen, Nonen und Undezimen. Nichts Brennendes liegt mehr in diesen Dissonanzen, kein Begehr nach Auflösung, kein Verlangen nach Befriedigung. Ein Glück der Erfüllung schwebt durch den „Garten mit hohen Bäumen“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schönheit der Natur kommt Isolde und Brangäne in den Sinn: Im Tremolo der Streicher, nah am Steg, hört man „des Laubes säuselnd’ Getön, das lachend schüttelt der Wind“. In den Klarinetten, zweiten Violinen und Bratschen rauscht „des Quelles sanft rieselnde Welle“ durch diese „helle, anmutige Sommernacht“, wie Richard Wagner die erste Szene des zweiten Aufzugs überschrieben hat. Nur gute drei Minuten währt das Intermezzo: Die Metaphysik der Triebe wird verlassen für eine Physik der Düfte, Töne und Farben. Die Tiefe des sinnlichen Raumes darf einen Moment lang wichtiger sein als die Tiefe der Ideen. Die Musik tritt heraus aus der menschlichen Selbstbezüglichkeit.

          Es ereignet sich eine andere Emanzipation der Dissonanz: Sie wird entlassen aus der Sklaverei des Dramas, aus dem psychologischen Gefälle von Schmerz und Heilung, Spannung und Entspannung. Sie verleiht der Schilderung der Natur sinnlichen Glanz. Sie steigert die Lebensfreude, statt nur die Sehnsucht nach ihr auszudrücken. Der Norweger Edvard Grieg, der Schwede Wilhelm Peterson-Berger und der Russe Anton Arensky sind diesen Weg komponierend weitergegangen. Bei Wagner blieb dieses „helle, anmutige“ Bild des Nordens ein lichtes Intervall in einer musikalischen Kultur des Todes.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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