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Wagners schönste Stellen (4) : Tannhäuser, 2. Akt, 4. Szene

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Bild: Kat Menschik

In E-Dur komponiert, lässt diese Arie des Titelhelden durch stetige Wiederholung und durch ein in jeder Phrase angezieltes Gis eine nahezu impertinente Eindringlichkeit aufkommen: „Dir Göttin der Liebe / soll mein Lied ertönen“.

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          Während meiner Züricher Theaterarbeit an dem Projekt „Richard Wagner: Wie ich Welt wurde“ stieß ich auf eine Figur, die unter den prominenten Zeitgenossen um den Komponisten das war, was man gemeinhin einen Versager nennt, dem Wagner jedoch lange, wiederholt und engagiert die Treue gehalten hatte. Er hieß Karl Ritter, war ein Freund des späteren Dirigenten Hans von Bülow, dessen Frau Cosima bekanntlich die Frau Wagners wurde.

          Sicher spielte es eine Rolle, dass Wagner mit seiner ersten Frau Minna keine Kinder hatte, so dass der junge Karl eine Art Sohnesersatz wurde, dennoch ist es erstaunlich, in welche Intimitäten seines Lebens Wagner den Burschen einbezog und wie vertrauensselig er ihm entscheidende Botschaften überließ. Ungeachtet seines Alters schüttete der siebzehn Jahre ältere Wagner dem noch nicht zwanzig Jahre alten Ritter sein Herz aus. Als Ritter sich von Wagner trennte und jener ihn mühsam ausfindig machte, ließ Ritter sich verleugnen.

          Der rücksichtslose Gesang

          Da unser Projekt eine Zusammenarbeit des Opern- und des Schauspielhauses Zürich ist, habe ich aus „Tannhäuser“ eine „Arie“ des Titelhelden gewählt, das mich bereits vor Jahren während der Inszenierung des Werkes überaus stark beschäftigt hat.

          In E-Dur komponiert, lässt diese Arie durch stetige Wiederholung und durch ein in jeder Phrase angezieltes Gis eine nahezu impertinente Eindringlichkeit aufkommen. Sie ist der Beitrag Tannhäusers im Sängerwettstreit und beginnt mit der Zeile „Dir Göttin der Liebe / soll mein Lied ertönen“, wobei in der letzten Zeile „Zieht hin, zieht in den Berg der Venus ein“ der Komponist die Grundtonart verlässt und bei dem Wort „Venus“ unerwartet auf ein A springt, so dass die aus neun Versen bestehende Strophe verstörend schrill endet.

          Die Rücksichtslosigkeit des Gesanges, die alles wegzufegen scheint, was mit Schnörkeln und Tändeln die Härte und das Absolute des Liebesbegriffs harmonisch zu glätten versuchen könnte, dieses zornige Bestehen, dieses schreiende Heraufbeschwören eines Wagnisses fand ich raffiniert und realistisch zugleich.

          Umso aufgeregter und neugieriger wurde ich, als ich hörte, dass ein Schweizer Freund, ein manischer Bibliophiler, während meiner Gespräche über Karl Ritter ausrief: „Stell dir vor, von ihm habe ich bei meinem letzten Besuch in Venedig ein Buch entdeckt, das sich halb zerfetzt im Nachlass eines Trödlers befand.“ Als Tessiner sprach er selbstverständlich italienisch, und ich beschwor ihn, sofort mit der Übersetzung zu beginnen, was er in derselben Nacht noch tat.

          „Mit Richard Wagner zu wandern war nicht ein reines Vergnügen“

          Ritter war in jeder Beziehung Autodidakt, auch in der italienischen Sprache, aber das Büchlein mit dem auf den ersten Eindruck befremdenden Titel „Zwischen den Fäusten eines großen Mannes“ ließ uns beglückt und bereichert zurück, und ich bin stolz, ausgerechnet über das Zustandekommen der Arie aus dem „Tannhäuser“ Genaueres mitteilen zu können.

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