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Wagners schönste Stellen (3) : Die Walküre, 3. Aufzug, 1. Szene, Takte 534 bis 562

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Bild: Kat Menschik

Sieglindes Dank an Brünnhilde („O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!“) erklingt mit einer Seligkeit, die sich sofort auf die Zuhörenden überträgt. Das Motiv hat es in sich - und kehrt im „Ring“ nur noch einmal wieder.

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          „O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!“ Sieglindes Dank an Brünnhilde, die ihr soeben verraten hat, dass sie einen Helden zur Welt bringen wird, ist als komponierter Höhepunkt durch eine aufsteigende Klangkurve gekennzeichnet. Kurz zuvor spielt eine Trompete das Motiv des Helden Siegfried: Da lässt uns der ausgebuffte Psychologe Wagner tief in das Innere Sieglindes hineinhorchen. Wagner vermochte wie kein anderer Emotionen auf allen Ebenen seines „Gesamtkunstwerks“ hervorzurufen, und hier kündigt die großartige Steigerung im Orchester mit Trompeten, Posaunen und Tuben, die sich zu den Holzbläsern gesellen, einen besonderen Höhepunkt an.

          Sieglindes Motiv erklingt mit einer Seligkeit, die sich sofort auf die Zuhörenden überträgt. Kein Wunder, denn dieses Motiv hat es in sich. Im Gegensatz zu Wagners sonstigen Gepflogenheiten kommt es im gesamten „Ring des Nibelungen“ nur noch an einer weiteren Stelle vor, ganz am Schluss der „Götterdämmerung“, im Orchesternachspiel und zuvor im Schlussmonolog, als Brünnhilde sich von der Welt verabschiedet: „Siegfried! Sieh! Selig grüßt dich dein Weib!“ Somit ist Siegfried der Auslöser ihrer Begeisterung, und die vielen Deutungen des „Ring“-Schlusses wären überflüssig, wenn man nur genau hinhören würde.

          Wagner wurde mehrfach gefragt, was das Motiv an dieser Stelle bedeute, er bezeichnete es als „Chorgesang auf die Heldin“. Es hebt somit die Liebe hervor, die Brünnhilde als Frau zu geben vermag, womit er wieder bei seinem allumfassenden Thema angekommen ist: der Erlösung durch „das Weib“. Dass der Frau Kraft zufließt, wenn sie liebt, wird im neunzehnten Jahrhundert nicht als ein Zeichen von Ichstärke verstanden, sondern eher als eines dafür, dass sie im Manne aufgehe und auf eine selbständige Identität verzichte.

          Aber was soll’s - das Motiv ist herrlich anzuhören, wie es am Schluss der „Götterdämmerung“, von überirdischen Harfenarpeggien begleitet, verklärend ausgebreitet wird, ehe der breit ausgehaltene Schlussakkord das gewaltige Werk beschließt. Entzücken? Wonne? Dergleichen würde man beim Untergang der Götter nicht unbedingt vermuten. Und so siegt Brünnhilde wenigstens musikalisch.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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