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Wagners schönste Stellen (23) : Tristan und Isolde, 2. Aufzug, 3. Szene, Takte 299 ff.

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Ohrfeige am Grünen Hügel

Selbstverständlich war keine Karte zu bekommen, trotz zweitägigen Campings vor der Kasse des Festspielhauses. Den ersten Akt hörte ich aus dem Radio in der Pförtnerloge. Aber weil ich meist erreiche, was ich will, konnte ich eine Türmeisterin dazu verführen, mich einzulassen im zweiten Akt, sie wies mir einen freien (!) Sitz im Amphitheater zu. Allein die Anstrengung, nach monatelangem Zittern dann doch noch hineinzukommen, hätte schon genügt, diesen Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Aber dann kam, in diesem zweiten Akt, die zweite schönste Stelle, die mich total verzauberte: „... dem Land, das Tristan meint, der Sonne Licht nicht scheint“. Später wird dies von Isolde in einer anderen Tonart verklärt. Da verstand ich auf einmal, warum Rudolf Steiner den Wagner eine Reinkarnation von Merlin genannt hatte.

Wie so oft bei Wagner, vorausgesetzt, man ist kein Wagnerfan, tauchten dann auch Momente der Langeweile auf. Nach dem „Camembert“-Ring von Wolfgang Wagner war für mich erst einmal Schluss in Bayreuth. Erst im letzten Jahr des „Jahrhundert-Rings“ mit Patrice Chéreau und Pierre Boulez fand ich den Weg dorthin zurück, wo ich auch die fanatischen Fans wieder traf. Es war in Bayreuth, wo ich als junger Zuschauer meine erste Ohrfeige bekommen habe, weil ich laut „Bravo!“ schrie, als sich Götz Friedrich nach seinem „Tannhäuser“ verneigte.

Es ist noch von den schönsten Wagnerstellen zu berichten, die ich selbst später als Opernintendant mit betreut habe. Ich habe im Laufe meiner Karriere sämtliche Wagneropern (vom „Fliegenden Holländer“ an) produziert, „Parsifal“ zweimal und „Tristan“ dreimal. Die bestgelungenen waren Herbert Wernickes „Ring“ und „Tristan und Isolde“ mit Peter Sellars, Esa-Pekka Salonen und Bill Viola. Ich hatte mir allerdings in der dramaturgischen Planung einige Verrücktheiten geleistet: für den „Ring“ als Zyklus gab es insgesamt neunzig Orchesterproben, für den „Tristan“ gab es, gemeinsam mit den „Meistersingern“ drei ganze Monate.

Ich verstehe aber nicht, warum viele Intendantenkollegen meinen, dass das Produzieren eines „Ring“ unbedingt als opus magnum verstanden werden muss. Als ob es nicht wichtigere Aufgaben gibt: Messiaens „Saint François d’Assisi“ zum Beispiel oder Rihms „Eroberung“ oder Zimmermanns „Soldaten“ oder Lachenmanns „Mädchen“. Im Übrigen halte ich es für viel schwieriger, eine erstklassige „Traviata“ zu produzieren als eine gute „Götterdämmerung“.

Was Bayreuth verpasst hat

Vielleicht war dies alles ein Grund, warum viele Wagnerfans meine gemeinsame Kandidatur mit Nike Wagner für die Bayreuther Festispiele damals frivol nannten. Selbstverständlich war alles vorher schon entschieden. Ich behaupte nach wie vor, dass Bayreuth damals eine große Chance verpasst hat. Es wäre an der Zeit gewesen, den von Cosima Wagner pervertierten Festspielgedanken zu erneuern und im Sinne Wieland Wagners eine Festspielwerkstatt zu entwickeln, auch durch das Einschalten von Uraufführungen, wozu die besten bildenden Künstler verpflichtet werden müssten. Dazu eine neue Programmdramaturgie und der Versuch, wieder eine neue Bayreuther Künstlerfamilie zusammenzurufen, die von dem Projekt so fasziniert ist, dass das ewige Verdienstgejammer seinen Grund verliert.

Zur Eröffnung der diesjährigen Festspiele mit dem neuen „Ring“ von Kirill Petrenko und Frank Castorf erklärte ein (jetzt ehemaliger) Minister und langjähriger Bayreuthfan, dass „die Kunst nicht mit Politik“ zu tun habe. Genau hier liegt aber das große Missverständnis begraben. Nur darum konnte Wagners Musik vom Kleinbürgertum vereinahmt werden, die Fanfare beim Sonnenuntergang inklusive.

Schwan - Lenz - Abendstern

Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle ...“, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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