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Wagners schönste Stellen (22) : „Die Meistersinger von Nürnberg“, Vorspiel, Takte 1ff.

Bild: Kat Menschik

Dieses Stück Musik erfüllt in Deutschland die Funktion, welche in Italien der Gefangenenchor aus „Nabucco“ erfüllt: Es ist, quasi, die inoffizielle Hymne. Dabei ist sie starr wie eine Mauer. Ich mag diese schöne Stelle nicht.

          Womöglich täusche ich mich ja oder bin in dieser Hinsicht zu empfindlich - aber mir kommt es so vor, als ob, wenn es irgendwo in Deutschland feierlich und staatstragend und, vor allem, sehr deutsch, aber noch nicht staatstragend genug für die Nationalhymne wird, als ob dann, falls ein Symphonieorchester vorhanden ist, eigentlich immer das Vorspiel zu den „Meistersingern“ erklinge.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dieses Stück Musik, so kommt es mir weiterhin vor, erfüllt in Deutschland die Funktion, welche in Italien der Gefangenenchor aus „Nabucco“ erfüllt: Es ist, quasi, die inoffizielle Hymne - und dass mich Verdis Chor weitaus mehr inspiriert als das „Meistersinger“-Vorspiel, liegt zum einen am Text, dem man nicht widersprechen mag. Dass der Gedanke fliegen soll, ist ein schöner Gedanke, den man gerne singen mag, und wie jede gute Hymne ist auch „Va, pensiero“ universal: Der Italiener schätzt das Italienische an diesem Chor, der Rest der Welt erfährt beim Hören oder Mitsingen, dass jeder halbwegs musikalische Mensch immer auch ein Gesinnungsitaliener ist.

          „Va, pensiero“ kann man sogar im Fußballstadion singen. Dass das mit dem „Meistersinger“-Vorspiel nicht geht, liegt nicht am fehlenden Text. Auch „Seven Nation Army“, die populärste Fußballhymne, hat keinen Text, und „Go West“, die zweitpopulärste, hat einen, den sich aber kein Fußballfan merken kann.

          Von versteinerten Verhältnissen kündend

          Würde jemals eine Fankurve die Ouvertüre der „Meistersinger“ zum Schlachtgesang wählen, ginge das Spiel garantiert null zu null aus, so starr ist diese Musik. Man sollte sie spielen, wenn der Gegner einen Freistoß bekommt. Damit die Mauer hält.

          Einmal war ich eingeladen, zusammen mit Hunderten anderer Gäste die neue Beleuchtungsanlage des Reichstags in Berlin zu feiern, und weil das alles Energiesparbirnen waren, dauerte es ein paar Minuten, vom Anschalten bis zu dem Moment, da die Lampen mit voller Leuchtkraft strahlten, und diese Minuten überbrückte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin naturgemäß mit dem „Meistersinger“-Vorspiel.

          Es lag vermutlich an dem kalten Frühlingsabend, dass das Stück noch blecherner klang als sonst. Es lag aber an der Musik, dass man nicht nur auf dicke Mauern schaute. Man hörte auch dicken Mauern zu. Es ist eine Musik, welche diese versteinerten Verhältnisse nicht nur ausdrücklich gutheißt. Es ist auch eine Musik, die vor allem davon kündet, dass die Verhältnisse seit mindestens fünfhundert Jahren versteinert sind. Und dass sie das bleiben sollen, fünfhundert Jahre lang. Bah-bam-bam-bahm.

          Der erste Takt schafft schon die totale Undurchdringlichkeit, und wenn es dann hinaufgeht mit der Melodie, wird die Mauer nur noch höher. Sie stürzt auch nicht, wenn Wagner sich später ein wenig entspannt. Eher ist es, als ob er, von den unerstürmbaren Zinnen seines Klangs, auch ein paar heitere Akkorde herunterwürfe, zum Trost, damit wir bleiben.

          Wenn das der deutsche Klang ist, will ich lieber Italiener sein, und wenn ich aber mein deutsches Herz frage, was es zum Feiern brauche, dann ist das jener Schwung, welcher das „Schmettern des gallischen Hahns“ (Karl Marx), das Morgengrauen des tollsten Tages, die Vorahnung des Umsturzes schon als Musik artikuliert. Es ist die Ouvertüre zu „Le Nozze di Figaro“, die nicht nur von der Sehnsucht handelt, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Sondern die, wenn sie zügig dirigiert wird, für die vier Minuten, die sie eben dauert, auch die Erfüllung dieser Sehnsucht ist. Für Mozart, als er sich nach einem Job erkundigte, gab es in München gerade keine „vacatur“. Für Wagner war jede Menge Geld da. Zur Sühne sollte die ganze Allianz-Arena eine schmettertaugliche Version dieser Ouvertüre einstudieren.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle ...“, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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