https://www.faz.net/-gs3-7hdg4

Wagners schönste Stellen (21) : „Die Meistersinger von Nürnberg“, 3. Aufzug, 4. Szene, Takte 316ff.

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Meine absolute Lieblingsstelle: Die „selige Morgentraum-Deutweise“ aus dem letzten Aufzug der „Meistersinger“. Oder, um genau zu sein: deren Taufe, noch genauer - der Übergang zum folgenden Quintett. Diese paar Takte sind unerreicht.

          2 Min.

          Bei der Beschäftigung mit Wagners Opern ist mir immer wieder aufgefallen, wie viel von Felix Mendelssohn Bartholdy und von Albert Lortzing in alledem steckt. Ob Wagner das wusste oder wollte, ob ihm das gefiel oder nicht, spielt keine Rolle. Ich halte nicht viel von postumen Persönlichkeitsanalysen.

          Die Chance, Richard Wagner persönlich kennenzulernen, haben wir nicht. Womöglich wären wir, wenn dem so wäre, entzückt oder abgestoßen von manchem seiner Charakterzüge. Doch wissen wir das, was wir über ihn wissen, bloß aus zweiter und dritter Hand. Seine Musik dagegen, die spricht direkt zu uns, die spricht für sich.

          Meine absolute Lieblingsstelle in Wagners OEuvre würde ich sogar über Brangänes Nacht-Ruf stellen. Es ist die „selige Morgentraum-Deutweise“ aus dem letzten Aufzug der „Meistersinger“. Oder, um genau zu sein: Es ist nicht diese „Deutweise“ selbst, vielmehr ihre Taufe, noch genauer: der Übergang zu dem folgenden Quintett. Hätte Wagner nur diese paar Takte komponiert, er wäre der größte Komponist aller Zeiten.

          Allein dieser kirchentonale Vorhalt!

          Es gibt da phantastische harmonische Fortschreitungen, das geht von E-Dur nach Ges-Dur über C-Dur. Allein dieser kirchentonale Vorhalt! Und auch die Instrumentation ist unfassbar gut erfunden, wie die Holzbläser anfangen, als wäre es eine reine Harmoniemusik, und erst dann schweben die Streicher dazu ein.

          Seit dem ersten Akt wissen wir, dass die Meistersingerzunft in Nürnberg ihre festen Gesetze darüber hat, wie eine Melodie gebaut sein muss. Dazu gibt es einen Regelkatalog, an dem ist nicht zu rütteln. Die Melodien haben Namen, es gibt zum Beispiel die „Frösch“- und die „Kälber“- und die „Stieglitz-Weise“ und so fort, und dass eine „Kälberweis’“ immer eine „Kälberweis’“ bleibt, das ist objektiv genauso sicher, wie man objektiv sicher sein kann: Wasser kocht bei hundert Grad.

          Wenn Hans Sachs aber jetzt, kurz vor Ende der Oper, vorschlägt, dass Stolzings Lied den Namen „Morgentraum-Deutweise“ bekommen und getauft werden soll, so ist dies erstens eine neu erfundene Weise nach subjektiven Regeln, und zweitens liegt die Betonung des Namens nicht auf „Morgentraum“, sondern auf der Silbe „Deut“.

          Was aus dem Wissen um den Missbrauch folgt

          Hier wird etwas neu interpretiert, neu erfunden: deshalb in der Einleitung dazu diese unerhörten harmonischen Rückungen. Übrigens ist an dieser Stelle jedem von uns und auch allen handelnden Personen klar, wie der Wettstreit ausgehen wird. Hier ist die Oper eigentlich an ihrem Ende angelangt. Das großartige Festwiesenfinale anschließend ist nur eine Affirmation dessen.

          Dies wiederum hat nicht im Geringsten etwas Tümelndes, nichts Aggressives oder Ideologisches. Dass Text und Musik des Festwiesenfinales der „Meistersinger“ später missbraucht wurden, ist eine ganz andere Sache. Das ist auch Beethovens Neunter widerfahren und mit Stücken von Bach über Schumann bis Liszt geschehen.

          Das Wissen um diesen Missbrauch bringt mich, wenn ich die Musik heute aufführe, kein bisschen weiter. Natürlich sind die „Meistersinger von Nürnberg“ eine deutsche Oper, sie konnte nur in Deutschland so komponiert werden, mit ihrem Bezug aufs deutsche Mittelalter und auf die Spruchdichtung. Aber am Ende macht ausgerechnet derjenige, der sich nicht den Gesetzen fügt, der Künstler, der Außenseiter, den Stich.

          Sachs singt seine Ansprache über die deutschen Meister, die man nicht verachten sollte, im Piano, er wird nicht mal laut dabei, auch die Stelle mit dem „welschen Tand“ sollte man sich genau angucken, bevor man darüber die Nase rümpft. Erst wenn du weißt, wer du selbst bist, kannst du anderen gegenüber tolerant sein. Darum geht es. Die Betonung liegt auf dem Wort „Meister“. Sachs singt ja keineswegs: Ehrt nur und ausschließlich Meister, die deutsch sind.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle ...“, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Wie die Krise Familien verändert

          Zwischen Verzweiflung und Glück: 25.000 Familien sind in einer Studie befragt worden, wie sie die Corona-Krise erleben. Welche Familien hart getroffen sind – und für welche die Krise eine Erleichterung ist.
          Gedenkort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in Berlin

          Bedrohung durch Euthanasie : Zorn, der nicht vergeht

          In letzter Zeit muss ich häufig an meinen Großonkel Hermann und seine Wutanfälle denken. Warum wir sehr vorsichtig sein sollten, wenn wir über den Wert des Lebens reden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.