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Wagners schönste Stellen (20) : „Tristan und Isolde“, 2. Aufzug, 3. Szene, Takte 101 ff.

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

König Marke erwischt Tristan und Isolde in flagranti. Indes: kein Zornesausbruch, keine Rache. Stattdessen gehören Worte wie Töne des Klagelieds, das Marke nun anstimmt, zum Schönsten, was Wagner gedichtet und komponiert hat.

          3 Min.

          Der Plot der wohl berühmtesten, schrecklichsten aller Liebesdrama-Opern scheint zunächst banal und nichts anderes als eine neue Variante aller Dreiecksgeschichten. Marke, König von Cornwall, schickt Tristan, seinen Ziehsohn und engsten Freund, nach Irland, damit er ihm als Brautwerber die zugesprochene Königstochter Isolde zuführe.

          Auf der Überfahrt von Irland nach Cornwall fallen die beiden aber, durch einen Liebestrank, was, zugegeben, nicht allzu häufig passiert, um den Verstand beraubt und alle trennende feindliche Vergangenheit dem Vergessen anheimgebend, in den großartigsten Liebesrausch der Musikliteratur überhaupt, der dann auch in Cornwall sich stürmisch fortsetzt.

          Jeder Tristan-Besucher summt es innerlich mit und hat den Text im Kopf: „O sink hernieder, Nacht der Liebe / Gib Vergessen dass ich lebe / Nimm mich auf in deinen Schoß / Löse von der Welt mich los.“ Das liebes- und todessehnsüchtige Paar fällt in einem „Garten von hohen Bäumen“ in „stürmischen Umarmungen“ ineinander, nachdem Isolde die nachterhellenden Fackeln löscht und so die Nacht das Liebespaar schützt.

          Textlich wie musikalisch herzbewegend

          Beide fürchten den Tag, der die Wahrheit ans Licht bringt: „O nun waren wir / Nachtgeweihte! / Der tückische Tag, / der Neidbereite, / rennen konnt uns sein Trug, / doch nicht mehr täuschen sein Lug!“ In diesem Augenblick scheinen sie es bereits zu wissen, dass sie alle Gesetze, alle gesellschaftlichen Normen in ihrem Liebesrausch brechen. Marke überrascht das Liebespaar in flagranti. Und nun ereignet sich textlich und musikalisch Herzbewegendes, Überraschendes und zutiefst Anrührendes.

          Kein nachvollziehbarer Zornesausbruch, weder Mord noch wenigstens Morddrohung - stattdessen findet Marke Worte der tiefsten denkbaren Traurigkeit und Verlassenheit. Für ihn bricht eine Welt zusammen, weil sein geliebter Tristan ihn betrogen hat. Nicht die Untreue Isoldes erschüttert Marke - hier bleibt Wagner ganz beim höfischen Ritual, wonach der Ritter seine Angebetete ihrer Schönheit und Tugend wegen lieben „muss“, Männertreue aber die wichtigste Tugend ist (Siegfried!). Und deshalb trifft ihn Tristans Verrat an der Freundschaft zutiefst.

          Während der Vasall Melot seinen König auf die Schandtat hinweist mit den Worten „Ich zeig ihn dir / In offener Tat / Name und Ehr / Habe ich getreu / Vor Schande dir bewahrt“, tritt das Gegenteil ein. „Wohin nun Treue / Da Tristan mich betrog“, klagt Marke in seinem Monolog. Er, der dann noch einmal am Ende des dritten Aktes einen kurzen Auftritt hat, offenbart sich und sein Denken nur an dieser Stelle der Oper.

          Der Schmerz des Verrats

          Die ersten Worte, die er spricht, und die dazu erklingenden Töne, gehören zum Schönsten, was Wagner gedichtet und komponiert hat. Da wendet sich Marke an Melot mit seinem tiefen Bass, „nach tiefer Erschütterung, mit bebender Stimme“, so die Regieanweisung Wagners: „Tatest du’s wirklich?/Wähnst du das? / Sieh ihn dort / den treusten aller Treuen; / blick auf ihn, den freundlichsten der Freunde: / seiner Treue freiste Tat / traf mein Herz mit feindlichstem Verrat!“

          Ob die den Zorn verdrängende Herzenstraurigkeit Markes dem Umstand zu danken ist, dass die weltliche Vorlage für den „Tristan“ die Liebe Richard Wagners zu Mathilde Wesendonck gewesen ist? Deren Ehemann Otto fühlte sich ihm, Wagner, freundschaftlich verbunden, er räumte den Wagners, Richard und Minna, Wohnrecht neben dem Wesendonckschen Besitz ein, um dann im berühmten „Morgenbrief“ lesen zu müssen, in welche rasende Liebessehnsucht zu Mathilde Richard Wagner verfallen war! Lässt Wagner deshalb Marke auf Fluch und Morddrohung verzichten?

          Offenbar hat Wagner viel verstanden vom Schmerz des Verrates, den er seinem Gastgeber angetan hatte. Herzzerreißend wird das Klagelied durch die musikalische Gestaltung: Die tiefe Bassstimme des Marke wird begleitet von dem Klagen der dunkeltönenden Bassklarinette, die sich von den ersten Worten an aus dem Streichertremolo heraushebt.

          Der leise Dialog zwischen der unbegleiteten Bassklarinette und der nur von den tiefen Streichern zart umspielten Stimme des Marke malt ein düsteres, dunkles Klangbild von unfassbarer Traurigkeit. Zarter und leiser ist keine Stelle in dieser Oper. Und es kann kein Zufall sein, dass das Eingangsmotiv der Bassklarinette an Brunhildes „War es zu schmählich, was ich verbrach“ aus dem dritten Akt der Walküre erinnert.

          In beiden Fällen handeln Menschen so, wie es mit den Anforderungen der Gesellschaft, mit dem Höfischen und Höflichen nicht vereinbar ist. Das dunkle, vorwiegend in der Trauertonart d-Moll gehaltene Arioso verschiebt unsere Sympathie, die bisher dem liebeskranken Paar galt, auf den armen Betrogenen. Wie schrecklich: „Seiner Treue / freister Tat / traf mein Herz / mit feindlichstem Verrat“. So klagt Marke, der den Monolog mit den Worten enden lässt: „. . . warum mir diese Schmach? / Den unerforschlich tief / geheimnisvollen Grund / wer macht der Welt ihn kund?“ Keine Antwort wird ihm zuteil. Aber unser tränengestütztes Mitleid, in jeder Aufführung.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle ...“, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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