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Wagners schönste Stellen (2) : Lohengrin, Vorspiel zum 1. Aufzug, Takt 1ff.

Bild: Kat Menschik

Die ersten Takte des „Lohengrin“ sind, was Brian Eno „Ambient“ nennt: Nicht mehr Musik, sondern ein Raum, der sich mit jedem neuen Takt weiter und weiter dehnt, bis er so groß ist, dass er alles umfasst, Musiker, Publikum gleichermaßen.

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          Wer schaut den Leuten eigentlich zu, die sich im „Ring“ die schlimmsten Dinge antun? Das sind natürlich keine „Leute“, es sind Götter, Zwerge, Vögel, Riesen, ein Drache und so weiter - aber gibt es irgendwen, der ihnen dabei zuschaut, wie sie sich gegenseitig umbringen und austricksen und belügen? Geht das Leben unterdessen weiter? Gibt es Menschen, die aufstehen und zur Arbeit gehen, während Siegfried Brünnhilde erweckt? Gibt es ein Land drum herum, wo Bauern ihre Felder pflügen, während Siegmund das verflixte unbesiegbare Schwert aus dem Baum zieht? Gibt es Maurer und Anstreicher, oder bauen hier nur Riesen Burgen? Gibt es ein Außen zu diesem Innen?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war ungefähr 1975, als der englische Experimentalmusiker Brian Eno endlich herausgefunden hatte, welche Musik er künftig machen wollte. Ihn interessierten Gesang und Gitarre - extrovertiert vorgetragen, wie es im Glam-Rock damals üblich war (einfach nicht mehr als das, Arien und erste Geigen, Solonummern schon gar nicht). Die Musik, die Eno vorschwebte, sollte genau das tun: ihm vorschweben. Den Hörer umgeben. Sie sollte da sein, unmerklich, und ihre eigene Anwesenheit auflösen, bis man sie gar nicht mehr hört. Bis man vor allem nicht mehr hört, dass man hört.

          Es war aber keine Anti-Musik, im Gegenteil, es war der Versuch, Musik so ins Leben zu bringen wie die Luft zum Atmen, also leicht, atmosphärisch, klimatisch, minimalinvasiv. Eno nannte das, was er dann mit seinen Synthesizern einspielte, die er kaum bedienen konnte (Noten waren ihm auch völlig egal): „Ambient“. Musik als Raum, den man betritt und im schönsten Fall nie wieder verlassen will. Man wüsste ja sowieso nicht, wo sie aufhört, diese Musik. Es gibt kein Innen und Außen.

          Die ersten Takte des „Lohengrin“ sind Ambient. Nicht mehr Musik, sondern ein Raum, der sich mit jedem neuen Takt weiter und weiter dehnt, bis er so groß ist, dass er alles umfasst, Musiker, Publikum gleichermaßen. Wagner hat die Welt, in der sich abspielt, was sich abspielt, zwar „Brabant“ genannt, man kann also im Lexikon nachschlagen, wo sie liegt: Aber eigentlich ist es eher so, dass sich im Vorspiel von „Lohengrin“ langsam eine Blase schließt, die vier Stunden lang wunderschön schillert, bis sie platzt, weil jemand die falsche Frage gestellt hat. Bis dahin, bis zum Platzen, ist man Teil einer Welt, die Wagner erfunden hat, um seine Musik hineinzustellen. Gibt es ein Innen und Außen im „Lohengrin“? Noch so eine falsche Frage. Dieses System kennt keine Grenzen.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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