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Wagners schönste Stellen (19) : „Die Meistersinger von Nürnberg“, 3. Aufzug, Takte 2610 ff.

Bild: Kat Menschik

Eigentlich höre ich gar nicht richtig, was er singt, so schön ist das: Walther von Stolzings so schlicht klingendes und dadurch so berührendes Lied: „Morgenlich leuchtend in rosigem Schein ... “

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          Endlich darf ich auch mal dabei sein. Auf der Bühne bei einer „richtigen“ Vorstellung. Draußen in der Dunkelheit ist das atemlose Rund des Zuschauerraums nur zu ahnen. Hier aber, im hellen Licht, sitze ich, ein kleines blondes Mädchen, mit dem Rücken zum Publikum und staune die riesige Tanzlinde an. In Limmersdorf, nicht weit weg von hier, steht auch so eine. Der Vater hat sie mir einmal gezeigt. Nur diese hier ist noch leuchtender und prächtiger. Neben mir die anderen Kinder.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Wir sind auf einer Wiese vor den Toren Nürnbergs. Es wird ein Fest gefeiert, bei dem der beste Meistersinger gefunden werden soll, der dann die schöne Eva heiraten darf. Aber jetzt muss ich doch noch eine Weile stillsitzen, und ziemlich heiß ist es auch unter dem Licht der Scheinwerfer.

          Jetzt aber ist es ganz still geworden. Als würden alle den Atem anhalten. Der, der „Walther von Stolzing“ heißt, macht ein paar Schritte in die Mitte und steigt auf ein Podest. In Wirklichkeit heißt er gar nicht Walther, sondern Siegfried, wie der Drachentöter aus einer anderen Oper meines Urgroßvaters. Und mit Nachnamen Jerusalem.

          Noch höher, lauter und stürmischer

          Leise und sanft, aber entschlossen ertönt in den Bläsern ein Akkord in reinstem C-Dur und verklingt, dazu perlt die Harfe. Die Streicher antworten noch weicher und sanfter. Wie der Stolzing auf seinem Podest scheint die Musik ruhig ein- und auszuatmen. Jetzt setzen die Bläser nur noch mit einem C ein, dann beginnt der Sänger sein so schlicht klingendes und vielleicht gerade dadurch so eigentümlich berührendes Lied: „Morgenlich leuchtend in rosigem Schein ... “ - Eigentlich höre ich gar nicht richtig, was er singt, so schön ist das.

          Beinahe flüsternd kommentieren Chor und Meister das, was alle gerade gehört haben. Unwillkürlich möchte man zustimmend nicken. Der Schuster Hans Sachs fordert den Stolzing zum Weitersingen auf. Der singt nun die zweite Strophe seines Liedes, die noch begeisterter wirkt als die erste. Wieder stimmt der Chor leise zu. Die dritte Strophe ist dann ganz anders als die ersten beiden. Noch höher, lauter und stürmischer singt er jetzt mit vielen Halbtonschritten, bis er am Schluss auf einem strahlenden C endet. Begeistert war der Chor bereits in die letzten Takte eingefallen.

          Kein Zweifel, dass Walther den Wettkampf gewonnen hat. Noch in der Nacht, als der ganze Trubel vorüber, alles dunkel und still geworden ist, klingt die Melodie des Liedes von Stolzing wie ein Summen der Luft in meinen Ohren. Es ist Sommer in Bayreuth. Es ist auch nachts noch warm.

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