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Wagners schönste Stellen (18) : „Das Rheingold“, 2. Szene, Takte 1039ff.

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Bild: Kat Menschik

Es sind ja die ergreifendsten Momente im „Rheingold“ gerade jene, in denen Wagners Genius sich rein musikalisch ausdrückt, ohne Worte. Aber bereits hier setzt auch der Deutungsfuror ein.

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          Und wer waren jetzt diese vier Köpfe?“, fragt die Besucherin ihren Begleiter, der sie nach dem ersten Akt des diesjährigen Bayreuther „Siegfried“ zum Ausgang führt. Sie redet vom monumentalen Bühnenbild, das in unverkennbarer Anspielung auf Mount Rushmore in South Dakota die vier steinernen Häupter amerikanischer Präsidenten durch Plastiken von vier Säulenheiligen des Kommunismus ersetzt.

          Mit zweien von ihnen, mit Marx und Lenin, warb, Ältere erinnern sich, 1966 die Bundesbahn für ihre Wettertauglichkeit. Später übernahm der SDS das Motiv. „Also der außen links, das ist eindeutig Richard Wagner“, deutet der Begleiter den Kopf von Marx: „Hohe Stirn, Bart und so. Die anderen Figuren, also das könnten ...“ Vor mir schließen sich die Schultern der Besucher, so bekomme ich die nächsten Erklärungen nicht deutlich mit. Lautmalerisch würde man von einem Brodeln reden. Nach dem Ende von „Götterdämmerung“, beim Auftritt des Regisseurs Frank Castorf, wird das Brodeln des Publikums zum dumpfen Höllenlärm.

          Das griechische Wort für Zeichen oder Signal heißt „semeion“. Unter dem Dach des dafür zuständigen Lehrgebäudes der Semiotik wird nach Form und Bedeutung von Zeichen geforscht. Der Erfolg ihrer Übermittlung hängt von zahlreichen Faktoren ab und ist leider nicht in allen Fällen berechenbar. Das gilt überall, wo Kommunikation angestrebt wird, und in Deutschland gilt das exemplarisch für die Festspiele von Bayreuth.

          Drachentöten hinterlässt Spuren

          Bayreuth ist Botschaft. Auf dem Hügel wurde in berechtigter oder willkürlicher Berufung auf den Gründer der Veranstaltung eine virtuelle Trutzburg zur Sicherung von Deutungshoheit errichtet. Bayreuth versteht und verstand sich gern als die letzte Instanz einer das Musikalische übergreifenden Haltung. Hier wurde, so die Absicht der Betreiber, gleichzeitig einem neuen Geist und einer alten Tradition gehuldigt. Drachentöten hinterlässt Spuren

          Damit sollte man endlich aufräumen. Der „neue Geist“ wehte von Richards bis zu Winifred Wagners Zeiten meist aus der Reichshauptstadt Berlin, ein wenig auch aus der Landeshauptstadt München, aber er gehört, genauso wie der unverzichtbare Protest gegen ihn, zu einer vergangenen Epoche. Die im Bayreuth der frühen Fünfziger, der mittleren Siebziger entscheidenden Drachentötungen gelangen den Klassikern dieses Genres, den Regisseuren Wieland Wagner und Patrice Chéreau, auch deswegen so erfolgreich, weil niemand aus dieser Richtung einen Angriff erwartet hatte.

          Aber das Töten von Drachen hinterlässt bekanntlich bisweilen eine blutige Saat: Aus ihr können Regisseure und Dramaturgen wachsen, die uns Worst-case-Einfälle bescheren wie den im Bayreuther „Tannhäuser“, wenn eine der Hauptfiguren, Elisabeth, in der Biogasanlage verschwindet. Er steht im nächsten Jahr zur Festspieleröffnung auf dem Programm.

          Wie können die Rheintöchter denn auftreten?

          Berufene Bayreuth-Deuter haben nach der Inszenierung von Frank Castorf aufgezeigt, dass sich hier mehrere Trends breitmachten, eine stärkere Hinwendung der Oper zum Schauspiel etwa oder ein virtuoserer Umgang mit szenischen Perspektiven, ausgelöst durch den Bilderzauber anderer Medien. Die Hermeneutik feuerte, was das Pulver hergab. Bisweilen entstand der Eindruck, hier müsse eine Wagenburg von Deutungen errichtet werden, die dem Regisseur vor einem wütenden Publikum feinsinnigen Schutz bieten sollte.

          Wenn nun aber sehr altmodisch die Sinnfrage gestellt werden darf, dann muss deren Antwort plausibel machen, warum unter großem Aufwand am besten so und nicht anders eine vertrackte Geschichte von Göttern, Gier und Neid, von hinterhältigem Mord, Geschwisterliebe, Ehezwist und der Beziehung zwischen einem Vater und seiner Lieblingstochter in Szene gesetzt wird.

          Können die Rheintöchter, können Freia, Fricka oder Erda, auftreten, als habe der selige Russ Meyer in einer holden Erinnerung an „Die Satansweiber von Tittfield“ die Gestalten entworfen? Na, klar können sie das. Öffnet mir das einen bisher ungeahnten Zugang zu ihrem Wesen? Mit Verlaub: ganz und gar nicht. Dass Wotan Herr über Götter, die Mafia, einen Aufsichtsrat oder Rohstoffkontingente sein kann, sprengt noch nicht meine intellektuelle Speicherkapazität. Ob Öl eine gelungene Metapher für Gold ist, wird vielleicht nach Tagesform an der Börse entschieden; ins rauschhafte Grübeln über eine neue Botschaft bringt mich das nicht.

          Viele Zwerge sind der falsche Weg

          Im Orchestergraben werden dem Zuhörer von Kirill Petrenko, Takt für Takt, mehr Zusammenhänge erschlossen als dem Betrachter durch das Panoptikum hinter den immer zu früh geöffneten Vorhängen. Es gibt auch die Kunst, ein Werk aus sich selbst heraus sprechen zu lassen.

          Es sind ja die ergreifendsten Momente im „Rheingold“ gerade jene, in denen Wagners Genius sich rein musikalisch ausdrückt, ohne Worte. In den Umspielungen des Es-Dur-Akkords im Vorspiel, von deren Zauber das Publikum meist ausgeschlossen wird, weil kein Regisseur den Mut hat, sich hier einmal in seinem Gestaltungswillen zu bescheiden und den Vorhang schlicht geschlossen zu halten. Im - von allen sprachlichen Zumutungen des neunzehnten Jahrhunderts befreiten - Absteigen von Wotan und Loge nach Nibelheim und ihrem Weg zurück. Oder schließlich - genauso glücklich sprachlos - am Ende der Oper, wenn sich Wotan im Erklingen des Schwertmotivs die Geburt Siegfrieds ankündigt. Hier gilt’s der Musik, nicht dem Bühnenzauber. Viele Zwerge sind der falsche Weg

          Klar, Deutungsfuror, politische Skandalisierung, die „Entlarvung“ von Spießern findet das deutsche Opernpublikum heute allerorten. Das Publikum hat daher längst verstanden, dass Denis Diderot sowohl ein französischer Aufklärer oder eine Metro-Station in Paris sein kann, hat sich an Aufführungen gewöhnt, die gerügt werden, weil sie allenfalls „Hohlräume verpasster Erzählmöglichkeiten“ präsentieren.

          Ein Schuss im Rohr und Feuer auf der Hütte

          Und wem das nicht gefällt, der kann ja nach Verona gehen. Dort wird auch Oper gegeben, doch (zumindest für den deutschen Betrachter) unter auffälligem Verzicht auf metaphysische Fragestellungen. Kein Kamel verweist auf die zweifelhafte Position von Giuseppe Verdi in der italienischen Kolonialpolitik.

          Es gibt in Bayreuth pro Jahr ja nur eine Neuinszenierung. Der im bayerischen Kultusministerium für diese Frage zuständige Beamte brachte den Zusammenhang in einem Interview des „Nordbayerischen Kuriers“ vom 6. Juli auf die wenig schmeichelhafte Formel: „Die beiden (Damen) haben pro Jahr einen Schuss im Rohr, ... und wenn ... der wieder danebengeht, dann haben wir Feuer auf der Hütte.“ Man konnte also getrost von einem cliffhanger reden. Weniger überraschend war, dass es post festum, also nach der Premiere, nicht an devoten Stimmen fehlte, die den Legitimationsnachweis für eindeutig erbracht erklärten.

          Intendantenschicksale sind überall abhängig von Erfolgen. In Bayreuth kann man da etwas gelassener reagieren. Als Qualifikation gilt dort schon das Ergebnis jener Tätigkeit, die der zitierte Ministerialdirigent „learning by doing“ nannte; entscheidend ist ferner die Abstammung, in den Worten von Nike Wagner: der Mythos Blut. Das ist so einzigartig nicht, denken wir nur an das Beispiel von Kim Il-sung und dessen Nachfahren oder diverse frühere Hoffischer am Starnberger See.

          Es gehört daher wenig Prophetenkunst dazu, die Frage nach der künftigen Festspielleitung bis in kommende Jahrzehnte für entschieden zu halten. Wenn dem aber so ist, dann entfiele für die beiden Leiterinnen die Notwendigkeit des Events. Beide werden von Frank Castorf als Wesen beschrieben, die an pünktlichen Abläufen interessiert sind. Das mag hässlich gemeint sein, doch wer die vielen Baustellen in Bayreuth kennt, vom Festspielhaus bis zur Öffnung von Archiven, wird auch diese Aufgaben nicht kleinreden. Wie überall in der Kunst geht es um die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Viele bunte Wagnerzwerge auf dem Hügel sind da der falsche Weg. Es sei denn, es ginge direkt nach Verona.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle ...“, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’.“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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