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Wagners schönste Stellen (17) : „Parsifal“, 2. Aufzug, 2. Szene, Takt 733

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Wagner ist mein Urbrei, meine Ursuppe. Die schönste Stelle - unmöglich deshalb. Aber mich bewegen alle Ausbrüche, die „ein Ende“ von etwas Unerträglichem wollen - also auch Kundrys Ad-hoc-Ausbruch im „Parsifal“.

          2 Min.

          Bei Wagner die schönste Stelle herauszufischen ist mir unmöglich. Das hat keinen „tief geheimnisvollen Grund“, sondern einen in der Zeit verankerten. Wagners Musik ist mit meinem Kinderleben, Kinder-Erleben verwachsen, vor allem Selberdenken und vor aller Fähigkeit zu Auswahl und Unterscheidung, Wagner ist mein Urbrei, meine Ursuppe.

          Wo immer mich ein Ton seines Orchesters trifft, ob in der Wüste oder auf Eisbergen, in Hochhäusern oder Hütten, trifft er ins Zentrum, alle Synapsen funkeln, der Heimatreflex schaltet sich ein, unabweislich, mit der vollen Wucht des Irrationalen. Da wird nicht nach besserem oder schlechterem Wagner unterschieden.

          Und doch. Man wird ja erwachsen. Alle Musiker glauben an Bach, sagte Mauricio Kagel einmal. Ich glaube ebenfalls an Bach, nicht aber an Wagner. Wagners gewisse Psycho-Knechtschaft, das An-die-Wand-Drücken, das Sicheinnisten als Ohrwurm, wird mir immer unerträglicher. Sympathy with the devil muss nicht mehr sein, kein Tristan-Akkord bitte, aber auch kein hitziges Accelerando, damit das Wälsungenblut aufblühe, keine Hojotoho-Kickser, die nicht enden wollen: dieses Ton-nach-oben-Gejuchze eines militärischen Weiberclans, und bitte auch kein Mutter-Sohn-Triebleben in „seliger Öde“. Das harfenumrauschte Heilsgeriesel am Ende des „Parsifal“ schickt mich nicht in die Transzendenz, nur glasiges Unwohlsein befällt mich, geistige Lähmung.

          Die Explosionen am Ende

          Gegen Wagner bekommt man allzu leicht recht, bemerkte Nietzsche. Holen wir ihn also wieder hervor. Was mag ich denn - außer seinen changierenden „Klangzuständen“ (Feuer, Wasser, Waldweben)? Merkwürdigerweise bewegen mich alle Ausbrüche, die „ein Ende“ von etwas Unerträglichem wollen, ob aus Wut, Verzweiflung oder Liebeswahn; Explosionen am Ende durchkalkulierter musikalischer Stufungen und Steigerungen. Steckt Wagners revolutionäre Erfahrung darin? Oder ist es bloß ausgepichte Musikdramaturgie?

          Zumeist sind diese Ausbrüche Vorboten der Katastrophe; es gibt kein Zurück mehr. Senta katapultiert sich am Ende ihrer Ballade mit einem spitzen Schrei und einer fast jodelnden Gesangslinie aus der Normalität: „Ich sei’s . . .!“ Tannhäuser, der zweimal raus will - ein Mal an die frische Luft und das andere Mal zurück in die Schwüle -, ist im dritten Akt nicht mehr zu retten, die Stimme schnappt über: „Nun, süße Göttin, leite mich!“ Von unaufhaltsamer Dynamik ist auch die Getriebenheit Elsas im Brautgemach mit Lohengrin, etwa ab: „Hörtest du nichts, vernahmst du kein Kommen?“

          Jedes Mal nimmt die Musik Fahrt auf und treibt die Helden ins Off. Auf die lang ausgesponnene Erkenntnis, dass er alles an die Wand gefahren habe, erfolgt auch der Ausbruch des „Walküre“-Wotan: „Zusammenbreche, was ich gebaut! Auf geb’ ich mein Werk; nur eines will ich noch: das Ende . . .!“

          Der Wutausbruch der Hans Sachs

          Im „Tristan“ gibt es einen wunderbar absurden Augenblick, wo der „andere Zustand“ des Ichs zum Ausdruck kommt. „Welcher König?“, fragt Tristan, als Markes Erscheinen am Ende des ersten Aktes angekündigt wird; erst im zweiten Akt aber wird dieser andere Zustand provozierend ausmusiziert. Mit den 54 Takten nach dem Löschen der Fackel wird rein musikalisch - unvergleichlich die Koppelung von Nacht-Natur und Herzensunruhe - vorbereitet und dynamisch präpariert, was dann im Umarmungsschrei von Tristan und Isolde kulminiert.

          Ich mag auch den Wutausbruch des Hans Sachs in seiner Schusterstube. Nach langer gütiger Kuppelei zugunsten des jungen Paares platzt ihm der Kragen, und er tobt seine Lebensfrustrationen aus, als Schuster wie als Mann: „Hat man mit dem Schuhwerk nicht seine Not!“ Einmal dürfen wir in sein Inneres sehen, das genauso gefährdet ist wie das aller anderen Wagnerschen Hauptfiguren.

          Ein letztes Beispiel, auf das ich, ganz Ohr, warte: „Und lach-te“. Zweigestrichenes h - cis. Ein dissonanter, fast Zwei-Oktaven-Sprung nach unten. Kurze, erschrockene Stille in der Musik. Kundry braucht keine Anläufe durch längere Erzählstrecken oder Dialoge mehr, keine spannungssteigernden Sequenzierungen, sie ist verkörperter Ad-hoc-Ausbruch, schonungslos vorführend, was bei den anderen Figuren stets auch angelegt war: das Ab in den Irrsinn.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern!’.“ Aber gibt es nicht noch viel mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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