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Wagners schönste Stellen (16) : „Götterdämmerung“, 2. Akt, 2 Takte vor Beginn der 2. Szene, bis Takt 22

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Die „Götterdämmerung“ ist auch für die Bösen gekommen, und so hören wir einem Monolog zu über die Jämmerlichkeit des Daseins, gelehrte Musik und schließlich, das Ende möge beginnen, sechs Hörner.

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          Verflucht noch mal, ist das finster hier! Freilich, kein Wunder bei den Problemen, die ihr Götter da oben habt, dank meiner Umtriebe hier unten. Könnte trotzdem irgendwer etwas Licht machen, bitte? Etwas Mondschein vielleicht, damit das schwüle Gedünst nicht wiederkommt, und mit ihm dieser Albtraum ...

          Immer des Nachts, wenn die hohen Herren sich auf Abenteuerfahrt begeben haben und die Feuer in der großen Halle erloschen sind, faselt mir einer, der vorgibt, die Ursache zu sein für meine irdische Jammer-Existenz (was naturgemäß aber nicht angehen kann wegen des, wie soll ich sagen, ja, wegen dieses Gelübdes, von dem er manchmal unter Seufzen spricht), also, da faselt mir einer was vor von Weltherrschaft und Treue. Alberner Wicht! Als hörte noch einer auf ihn! Als wüsste ich nicht aus mir selbst durch höhere Berufung, wozu ich auf der Welt bin!

          Abgrundtief böse, mit einem Faible für Kammermusik

          Ich bin nun mal der Schurke in diesem Stück. Bin nicht roh, aber böse. Abgrundtief böse. Ich bin, genaugenommen, das Böse schlechthin. Habe mir die Rolle nicht ausgesucht, niemand kann schließlich was für seine Eltern. Mein Erzeuger, also mein richtiger Vater, nicht der elende Fasel-Zwerg, hat mir die Sache erklärt, als ich jung war: warum ich nicht mitmischen darf beim lustigen Gelichter der Götter und Helden. „Einer muss immer den Bösen spielen, mein wilder kleiner Hagen, der Weltgeist verlangt’s, das Ganze wär’ sonst nicht komplett“, so sprach er in seiner für nordische Ohren stets etwas kurios tönenden Weise und drückte mir mit sorgenvoller Miene diesen Speer in die Hand. Beim Odin, was war ich stolz - jetzt hatte ich auch einen! Hätte ich nur geahnt, worauf ich mich einlasse ... Nachher, zum Beispiel, muss ich hier wieder den Heer-Rufer geben, den Diabolus in Musica, der ins Stierhorn grölt, dass die Lunge flattert, auf dass unsere trägen Mannen trotz der derzeit grassierenden Magenprobleme aus den Kojen kippen. Schön ist das nicht. Ich bin vielleicht bös, aber nicht primitiv. Stierhörner ... pfui Teufel!

          Es mag mir niemand glauben, aber mir steht der Sinn mehr nach Kammermusik. Nach gelehrter Musik, ganz allgemein. Hab die Traktate durchaus studiert, man muss ja mitreden können. Musik sei die zweideutigste, gefährlichste aller Künste, hab ich neulich gelesen. Der Gedanke gefällt mir - muss bei Gelegenheit mit den Vettern aus Lübeck und Weimar darüber sprechen, obwohl die Wichtigtuer kaum was von der Sache verstehen. Ich dagegen verstehe davon umso mehr, ich bin ein musikalisches Geschöpf. Und mir ist heute auch ganz einerlei, ob ein Bösewicht sich selbst gut finden darf oder nicht. Ich werde beweisen, wie sehr mich alle unterschätzen, die mich bloß für einen rauhbauzig mit Mordwerkzeug hantierenden Halunken halten. Hören Sie doch mal, was ich gerade höre. Wie? Sie hören nichts? Sie müssen sich schon Mühe geben! Der Meister konnte zuweilen sehr Leises komponieren. Und er macht mir, wie ich sehe, jetzt endlich auch etwas Licht, nett von ihm!

          Ich höre Hörnerschall, fünf Hörner sind es, nein, da ist noch ein sechstes, sie spielen nicht alle zugleich, wie sonst oft, sondern streng nacheinander. Ein Kanon ... Ziemlich barocker Einfall. Eigentlich hat sich das lange überlebt. Der Meister macht sich da offenkundig einen Spaß! Als wollte er sagen: „Seht her, das kann ich auch! Weiß auch, wie Freund Bach zu komponieren.“ Welch weltenwonniger Scherz! Und wie zartfühlend von ihm, dass er mir, dem Finsterling, damit die Segnung eines letzten Sonnenaufgangs zuteilwerden lässt: „Von hier an färbt sich der Rhein von immer stärker erglühendem Morgenroth“, heißt es zum kühn verknäulten Horngetön. Ist das nicht goldig? Kurz bevor ich dafür sorge, dass es auf immer Nacht wird in diesem Haus, schenkt er uns allen noch etwas Herzenserbauung und Wärme. Ich könnte ihn glatt dafür lieben. Wenn ich denn lieben könnte.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern’!“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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