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Wagners schönste Stellen (15) : „Tristan und Isolde“, 1. Aufzug, 3. Szene, Takte 132 ff.

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Bild: Kat Menschik

Isolde, die Tristan nicht töten kann. Warum? Es ist die Phrase „Er sah mir in die Augen“. Isolde trinkt diesen Blick, er ist der eigentliche Liebestrank. Das Dämonische in Wonne und Schmerz wird so Ereignis.

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          Das seelisch Entscheidende ist längst geschehen - schon vor der „Handlung“, als die Richard Wagner sein opus metaphysicum bezeichnet hat. Tristan, Neffe des Königs Marke von Cornwall, hat Morold, den Verlobten der irischen Königstochter Isolde, erschlagen. In rohem Übermut hat er den Kopf des Toten an Isolde gesandt. Er selber lag, durch das von Isolde vergiftete Schwert Morolds verwundet, darnieder.

          Unter dem Namen „Tantris“ ist er nach Irland zurückgekehrt, um sich von Isolde heilen zu lassen. Da sie in ihm alsbald Tristan erkennt, schreit es auf in ihr. All dies erfahren wir von Isolde, und durch ihre schauerlich-süße Erzählung wird es zur unmittelbaren Gegenwart. Sie will Rache üben an dem „Überfrechen“, aber als sie, mit dem Schwert in der Hand, an sein Bett tritt, kann sie ihn nicht töten. Warum?

          „Von seinem Lager / blickt’ er her, - / nicht auf das Schwert, / nicht auf die Hand, / er sah mir in die Augen. / Seines Elendes / jammerte mich - / das Schwert, - ich ließ es fallen.“ Es ist die Phrase „Er sah mir in die Augen“. Von einem Bogen überwölbt, steigt sie langsam auf (a-c-cis-d-dis) und erreicht das „E“, das eine gefühlte Ewigkeit währt bis zum Oktavfall der Stimme. Und was in diesem süß-seligen und bitter-schmerzlichen „E“ sichtbar wird, ist Tristans Blick: Isolde trinkt diesen Blick, er ist der eigentliche Liebestrank.

          Wohllaut als Wehlaut

          Wahrscheinlich war Wagner hier literarisch von Schiller inspiriert, von den Worten der Johanna, die das gegen Lionel erhobene Schwert sinken lässt: „Sollt ich ihn töten? / Konnt’ ich’s, da ich ihm ins Auge sah?“ Keine Sängerin hat Isoldes „seelisch entscheidende Phrase“ (ein Lieblingswort des Komponisten) so berückend, so berührend zum Erklingen gebracht wie Kirsten Flagstad, die in mehreren Mitschnitten von Aufführungen der Londoner Covent Garden Opera und der New Yorker Met singuläre Momente von Wonne und Qual schenkte: Wohllaut als Wehlaut.

          Brangäne (miss)versteht den wundersam verhinderten Todesstreich als Akt des Mitleids. Der innere Sinn ist ein anderer. In dieser Szene ist Wagner, mit einem Wort Friedrich Nietzsches, „der Orpheus alles heimlichen Elends“. Sogleich aber wird Isoldes Erinnerung an die beseligenden Augen-Blicke zum Auslöser bitteren Zürnens über den Liebesverrat: dass Tristan als Werber für einen anderen, Marke, gekommen ist und, noch schmerzlicher, zu feige ist, seine Liebe einzugestehen. Ob dieser Schmach entzündet sich ihr Zorn: „Fluch dir, Verruchter. / Fluch deinem Haupt! / Rache! Tod! / Tod uns beiden!“

          Auch dieses Verzweiflungsrasen hat ein literarisches Vorbild: den Fluch der Medea gegen den Liebesverräter Jason. Es ist wieder Kirsten Flagstad, die mit der „ekstatischen Phonation“ der Spitzentöne auf „G“ und „A“ das Dämonische in Wonne und Schmerz zum Ereignis macht.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern’!“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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