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Wagners schönste Stellen (13) : „Parsifal“, 1. Aufzug, Takte 965 ff.

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Bild: Kat Menschik

Richard Wagner vermengte für sein Erlösungsdrama Juden-, Germanen- und Christentum mit diversen Mystiken und braute daraus seine Menschheitsutopie. Daraus steigt Klarheit, Wahrheit.

          5 Min.

          Noch nicht lange, dass ich aufgehört hatte, an den Fingern zu zählen, war ich zum ersten Mal in Bayreuth, saß zwischen dem Vater und der Mutter und hörte Töne, die mich mit sich nehmen wollten - wohin? Mein Lieblingsonkel, der jeden Sommer aus Tel Aviv kam, uns und Bayreuth zu besuchen, beugte sich über den Schoß der Mutter zu mir herüber: „Ins En Sof“, flüsterte er, „in die Unendlichkeit.“ Die Töne hörten nie mehr auf, ich hielt mich an den Elternhänden fest, und ich verstand nicht: Draußen schien die Sonne, und das hier war zu alt, zu uralt, halt- und schrankenlos. Die Bühne hatte keine Wände, Gestalten schritten aus dem Nichts herauf und sangen - sangen, bis ich tot sein wollte. Ein Alter und ein Junger traten in die Bühnenmitte, die Töne wurden Lichter, ich zählte fünf, vier helle und ein dunkles. Sie klangen aus und an und führten einen Weg: „Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit“, sang der Junge, und der Alte sang: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.“

          „Parsifal“, höre ich noch den Freund des Lieblingsonkels, zwei Wochen nachdem ich mit ihm in Bayreuth gewesen war, „das ist kabbalistische Folklore.“

          Wir saßen auf dem weißen Mäuerchen unter dem Eukalyptusbaum in der Nahalalstraße im Osten Tel Avivs, wo der Lieblingsonkel den Sommer über mit seinem Freund in einem Bauhaus auf demselben Flur zusammenwohnte, Joseph Klausner, dessen Kopf auf Marken abgebildet war, die auf den blauen Luftpostbriefen klebten, welche der Lieblingsonkel uns nach Hause schickte. Ich besuchte den Lieblingsonkel jedes Jahr, nachdem er uns und Bayreuth besucht hatte. Und manchmal, wenn der ihn aus Jerusalem besuchte, saß der Großneffe des Freundes, Amos Klausner, der später Amos Oz heißen würde, bei uns unter dem Eukalyptusbaum auf dem weißen Mäuerchen und lauschte den Reden seines Großonkels.

          „Wagner sei ein ,Pumpgenie’ gewesen“

          „Thomas Mann meint“, höre ich den noch sagen, „Wagner sei ein ,Pumpgenie’ gewesen. Da hat er freilich recht, denn der mengt für sein Erlösungsdrama Juden-, Germanen- und Christentum mit diversen andern Tümern zusammen, rührt alle möglichen Formen nicht nach Hause gekommener Mystik unter und braut daraus seine Menschheitsutopie.“

          Der Großonkel war seinerzeit Student in Heidelberg, ich seh ihn noch das Mäuerchen besteigen wie für ein Referat: „Das Genie transformiert die Judenmystik in Christologie und liest sich zu diesem Behufe mal eben bei dem Genossen Gfrörer zusammen, was er für seine ,Karfreitags-Phantasie’ so braucht. Die Kelipoth, die Gottesgefäße, werden zum Gral, die jüdischen Therapeuten zu Gralsrittern, Moses zu Titurel, Metatron zu Amfortas, Adam Kadmon zu Parsifal, Bileam und seine Moabiterin zum Zaubermeister Klingsor mit den Blumenmädchen - und Ahasverus, der Ewige Jude, mitsamt Herodias und Maria von Magdala zur wilden Kundry.Wenn aber einer auf die Idee kommen sollte, die angesungene Seelenwanderung der Kundry auf die hinduistisch-buddhistische Karmalehre und deren Reinkarnationsvorstellungen zurückzuführen, dann hat er sich getäuscht! Getischen hat der sich“, höre ich den Großonkel und sehe noch seinen vom Schreiben krummen Zeigefinger hochfahren in die heiße, trockene Levanteluft: „Das Genie hat sich den Gilgul, die kabbalistische Lehre der Wanderung der Seelen, des Seelenkreislaufs, einverleibt, untergejubelt hat er sie.“

          „Vieles bleibt der Spekulation verborgen“

          Und sehe noch den Lieblingsonkel, der eine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen besaß, in der er seine Zunge spielen ließ beim Denken: „Übernimm dich nicht in Spekulation, steht im Kohelet 7,16 zu lesen“, höre ich ihn noch sagen und sehe die Zunge in der Lücke auf- und niederfahren.

          Und höre noch den Großonkel: „Das Genie hat mit allem gewirtschaftet, was zu seiner Zeit von der jüdischen Aufklärung bekämpft worden ist, und die ,ästhetische Kabbala’, die Jesuiten, Freimaurer und romantische Literaten konstruiert hatten, für seine Offenbarungstexte ausgeweidet. Novalis“, höre ich den Großonkel rufen, „Hoffmann, Arnim, Brentano, Hegel, Schlegel - der ganze deutsche Idealismus! Und die meschuggenen Christenkabbalisten, die sich Eliphas Levi, Aleister Crowley und Papus nannten! Und obwohl das Genie ja bekanntlich nichts dagegen hatte, ,sich zu erquicken am Geruche / Von gebrat’nen alten Juden’, wie Bruder Heine dichtete“, höre ich ihn noch, „und obwohl er Moshe verachtete und Moses verehrte und nicht gewusst hat, dass es derselbe fromme Mann gewesen, hat er die mystische Umdeutung mosaischer Quellen nutzen wollen, um das Judentum zu transformieren, erlösen wollte er es und so seine gescheiterte Emanzipation herbeispielen, noch ein Meshiach, Gott der Gerechte!“

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