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Wagners schönste Stellen (11) : „Tristan und Isolde“, Vorspiel, Takte 1 ff

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Verbotene Liebe. Verbotenes Leben. Aber: tollstes Treiben. Es ist höchste Artistik, kühnste Kombination, grandioseste Berechnung. Am „Tristan“-Vorspiel hängt, wie an einer Ur-Eizelle, die ganze moderne Musik.

          2 Min.

          Es ist eigentlich wenig dran. Nur die Celli, sie allerdings im Bratschenschlüssel, also im oberen Faulklangbereich. Dazu erstes und zweites Fagott, ein Englisches Horn, zwei Klarinetten in A, zwei Oboen. Also, bis auf die Celli, fast nur das, was man in einem Orchester die holzgeblasene „Harmonie“ nennt. Mit solcher Besetzung spielt man normalerweise bei Dorfhochzeiten auf.

          Aber! Dann doch! Ein sehrender, aufwärts sich quälender Salto mortale der Celli über eine Sext. Wobei gute Dirigenten (Thielemann, Bernstein) den ersten Scheitelpunkt des mortalen Saltos (eine punktierte Viertelnote f plus noch eine daran angebundene Viertelnote f) eine kleine Ewigkeit, sehr gute Dirigenten (Kleiber, Furtwängler) eine ewige Ewigkeit aushalten.

          Danach erst stürzt über ein vom f weg sich als Abgrund auftuendes e-Achtel eine Welt ins Zerspellte einer Holzbläserei, einer „Harmonie“, die aller Harmonie Hohn und Trotz spricht: f und h und dis’ und gis’, katastrophisch zerklirrter Vierklang, vom a-Achtel ins e und gis und d’ und ais’ getrieben: noch katastrophischer Vierklang, der auf einem Ewigkeiten-h keinen Ausweg findet. Die Dorfhochzeit wird zum Liebesdrama.

          Hier beginnt nichts, hier hört nichts auf

          So beginnt, was nie sonst bei Wagner beginnt: kein Kontra-Es aus dem Brunnen der Vergangenheit wie im „Ring“, kein Tschingderassa-C-Dur-Geschmetter der Festwiesen-Bewirtung wie in den „Meistersingern“, kein Orgelpunkt wie aus der Gralskirche des „Parsifal“, kein Eisblausplitter-Märchengezirp wie im „Lohengrin“, kein Feuerwehrauto-Quartengekeuch wie im „Tannhäuser“, kein römisch-germanisches Girlandengenudel wie im „Rienzi“. Dort überall beginnt ja was.

          Im „Tristan“ beginnt nichts. Im „Tristan“ hört nichts auf. Es ist, wie gesagt, eigentlich wenig dran (nur Celli und Holzbläser). Aber der erste Akkord, der keiner ist, der wie an Fäden gewebt scheint, die aus der Unendlichkeit zu kommen scheinen, ihn kurz bilden, sich wieder von ihm lösen, ist der Inbegriff all dessen in der Musik wie in aller Kunst, was nicht geht - aber trotzdem sein will. Eine Dauersehnsucht (er bildet ja auch gleich das „Sehnsuchtsmotiv“, aber das muss man nicht wissen, das spürt man sowieso), die über das hinauswill, worüber sie nicht hinauskann und -kommt. Und es trotzdem immer und immer wieder versucht und wagt und nie erlöst, nie eingelöst wird, zu nichts führt als höchstens zur Vernichtung.

          Verbotene Liebe. Verbotenes Leben. Aber: tollstes Treiben. Es ist höchste Artistik, kühnste Kombination, grandioseste Berechnung. Und zugleich hat diese Musik etwas von der pomadenparfümierten Verruchtheit eines Friseur-Condottiere, der ein tragisches Liebespaar für den großen Leichenbestatter namens „Schicksal“ herrichtet.

          Endloses. Unlösbares. Unbegreifliches.

          An diesen vier Takten, die 1865 zum ersten Mal erklangen und die zuhörende Welt in einen Fieberschock, in einen höchsterhitzten Schüttelfrost trieben, an diesen vier Takten, die neben Beethovens Tatatataaa-Gepoch vom Beginn seiner C-Moll-Sinfonie zum Folgenreichsten gehören, was auf menschliche Ohren einstürzen, was sie umstürzen und aufrühren, verwandeln und bezaubern kann, an diesen vier Takten hängt ja nicht nur, wie an einer Ur-Eizelle, die ganze moderne Musik. Man hört in ihnen das Blitzen des Messers, mit dem der Woyzeck (Büchners, nicht Bergs) seine Marie ersticht, während der Mond wie ein blutig Eisen am Höllenhimmel drüber hängt.

          Man hört die Schluss-Seufzer der ums Leben betrogenen „Drei Schwestern“ Tschechows, die sich fragen: „Wenn man es nur wüsste . . .“ Man hört Hamlet, der eine ganze Welt nicht begreift und sie trotzdem auf seinen Schultern spürt, bis sie ihn zu Tode drückt. Man hört die Mutter John, die sich aus dem Fenster stürzt, und die Mutter Courage, die über die Leiche ihres Sohnes sagt, sie kenne diesen Menschen nicht, man hört Medea, wie sie ihre Kinder ersticht, man hört . . . Endloses. Unlösbares. Unbegreifliches.

          Ein Drama halt. Bei dem nichts hilft. Und alles sich ereignet. Es sind nur ein paar Töne. Aber darin alles, was Menschen an Menschenmöglichem widerfährt. Und an Menschenunmöglichem sowieso. Also großes, herrliches Theater.

          Schwan - Lenz - Abendstern

          Richard Wagner selbst wusste genau, wofür ihn die Nachwelt lieben würde: „Ja, ja, das ist diese Stelle . . . „, sagte er, „die Theater haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O, du mein holder Abendstern’!“ Aber gibt es nicht noch mehr schöne Stellen? Wir haben uns mal umgehört.

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