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Wagners schönste Stellen (23) : „Siegfried“, dritter Aufzug, dritte Szene, Takte 265 ff.

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Bild: Kat Menschik

Ein Feuerwerk aus Licht und Glanz und purem C-Dur bricht aus, pünktlich stellen sich alle Nackenhaare auf. Die Welt ringsum ist versunken, oder sie fliegt an dieser Stelle in die Luft. Der letzte Teil unserer Wagner-Serie.

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          Irgendwo zwischen Texas und Tennessee, nachts am Lagerfeuer, hört Django von dem deutschen Drachentöter, der Dornröschen wachgeküsst hat. Da merkt er: Er ist nicht der einzige Held auf der Welt. Er erlebt nur gerade ein altes Märchen, und für alle, die das Fürchten nicht gelernt haben, geht so etwas immer gut aus. Später, als Django-Siegfried dann den Höllenfeuerkreis durchschreitet und seine Broomhilda befreit, leuchten tausend Lampen, alles Böse fliegt einfach in die Luft und verpufft, ein Feuerwerk macht die Nacht zum Tage, Dornröschen lacht und applaudiert, und Grane, das Ross, führt aus purem Übermut ein paar Kunststücke der hohen Schule vor, fliegende Passagenschritte. Bravo!

          Dies trug sich zu 1858, drei Jahre vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs. Zur selben Zeit hatte Richard Wagner in Deutschland seine Arbeit am „Ring des Nibelungen“ gerade unterbrochen. Irgendwie ging es nicht weiter, mitten im zweiten Akt „Siegfried“, eine definitiv im Stoff begrabene Schaffenskrise, sie sollte zwölf Jahre dauern (so lange, wie er mit „Siegfried“ nicht weiterkam, komponierte er einstweilen „Meistersinger“ und „Tristan“).

          Wie sollte die Sache ausgehen? Wagners Brünnhilde ist ja nicht mehr die Amazone aus dem Nibelungenlied, die mit Felsbrocken um sich wirft und tapfere Recken im Schlafzimmer an die Wand nagelt. Sie hat ihre Märchenzauberkraft schon eine Oper zuvor, in der „Walküre“, verloren. Ist jetzt nur noch alle Neune, ein weltberühmter Preis, eine Traumfrau, die, wie Broomhilda mit den Kulleraugen, nur noch gewonnen werden will, nichts weiter. „Heil dir, Sonne!“, singt Brünnhilde, als ihr Tiefschlaf endlich endet, weil Wagner das Stück dann doch noch zu Ende komponierte: „Heil dir Licht! Heil dir, leuchtender Tag!“

          Ein Feuerwerk aus Licht und Glanz und purem C-Dur bricht aus, pünktlich stellen sich alle Nackenhaare auf. Harfen plinkern in goldenen Arpeggien, Engelsflöten tröten, Geigen jubeln, dann hält die Musik kurz den Atem an und horcht diesem totalitären Glücksgeschrei nach. Dasselbe nochmal in d-moll, dann G-Dur. Die Welt ringsum ist versunken, oder sie fliegt an dieser Stelle in die Luft, gleichviel, selbst Siegfried ist zu einer Nebensache geworden. Es gibt, in Wagners chromatisch eingetrübter Nachtmusik, noch ein paar mehr solcher Stellen, wo ebenso brutal das Licht angeknipst wird. Das „Wunder!“-Geschrei im „Lohengrin“ gehört dazu, der plötzliche Dur-Einbruch, als Hans Sachs vom Johannistag singt. Man darf diesem Licht aber nicht trauen. Wagner selbst tat das nicht.

          Zu Beginn der „Götterdämmerung“ taucht Brünnhildes Sonnenruf noch einmal auf, verwandelt und um einen Halbton tiefer transponiert, ein Menetekel, angedickt mit trüber Farbe. Ja, klar, Siegfried und Brünnhilde lieben sich, sie kriegen sich. Bravo! Aber nur kurz hebt das Märchen sein Haupt, gleich wird es wieder verschluckt vom Gesamtkunstwerk.

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