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„Siegfried“ am grünen Hügel : Die lustigen Lumpensammler von Bayreuth

  • -Aktualisiert am

Pappmachékameraden schauen auf die Akteure herab: Marx, Lenin, Stalin und Mao bilden auch nicht die Felsen, auf die im „Ring“ Walhall zu bauen wäre Bild: dpa

Was tut sich da im Schatten von Mount Castorf? In „Siegfried“, dem dritten Teil des „Rings“, wird gesungen, wo es sich nicht gehört, und gewitzelt, was das Zeug hält. Wir müssen es aushalten.

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          Kuss und Schluss. Wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Für den Augenblick dieses Finales - es dauert fünfunddreißig märchenhafte Minuten bei Richard Wagner, vom Brautwachküssen an gerechnet - scheint alles wieder im Lot: Das Gute siegt, der Drache ist tot, das Liebespaar des Jahrtausends hat sich gefunden.

          Siegfried und Brünnhilde, Wälsungenwaisenkind und Ex-Walküre, sind nun die rechtmäßigen Eigentümer des Nibelungenhortes. Die beiden besitzen auch den Ring, der Macht verleiht über die Welt, sind aber natürlich, wie alle Guten, kein bisschen interessiert an Macht, Welt und dergleichen, vielmehr nur aneinander. Eine Insel nannte Carl Dahlhaus einmal diesen dritten Aufzug aus der Oper „Siegfried“. Eine endlose, zeitlose Utopie-Insel, die später, im letzten Teil der „Ring des Nibelungen“-Tetralogie, vom (endlichen) Mythos wieder verschlungen werden wird. Die Handlung des „Siegfried“ aber findet, wie das bei Märchen so ist, „niemals und nirgends“ statt, „immer und überall“ statt.

          Beindruckendes Bühnenbild

          Genau hier hat Frank Castorf den „Siegfried“-Plot in Bayreuth angesiedelt: überall und nirgends. Das Bühnenbild, geschaffen von Aleksandar Denic, ist zwar abermals, wie bereits die Bilder für „Rheingold“ und „Walküre“, ganz hinreißend pittoresk: polyvalent, mehrstöckig, verspielt, zitatenschwer und dabei doch drehbar. Doch es weist jetzt, von einer einsamen Minol-Reklame abgesehen, nichts mehr hin auf das Phantom-Thema Erdöl. Auch das Filmteam, das bislang die Sängeraktionen in Großaufnahme zu verdoppeln pflegte, macht sich rar im „Siegfried“. Dafür ist das Bühnenbild janusköpfig. Es zeigt eine romantisch-phantastische Märchen-Vorderseite und eine banal-ordinäre Mythen-Rückseite.

          Vorne türmt sich düster ein Mount-Rushmore-artiges Gebirgsmassiv auf, mit der Fafnerhöhle und den in Pappgranit gehauenen Köpfen von Marx, Lenin, Stalin, Mao. Hinten fliegen Müllfetzen durch die neonerleuchtete Fußgängerzone am Berliner Alexanderplatz, mit der Original-Weltzeituhr, mit den Treppen zum U- und S-Bahn-Labyrinth, Schaufenstertristesse und einem Imbiss-Stand, an dem später der Wanderer mit Erda saufen, streiten, Spaghetti mampfen und die Zeche prellen wird. Doch erst wenn die Drehbühne zu rotieren beginnt, von der Mitte des zweiten Aufzugs an, werden beide Panoramen abwechselnd vorgeführt, in bunter und sinnfreier Abfolge. Die Figuren wissen freilich schon lange vorher von der Dialektik dieser typisch Castorfschen DDR-Bewältigungs-Lokalität.

          Sie wandern von der einen in die andere Welt, balancieren außen um den Drehbühnenrand herum oder tauchen in der Mitte durch die Fafnerhöhle, und wenn das Publikum Pech hat, singen sie ihre wichtigsten und eindringlichsten Passagen, wenn sie gerade hinten sind. So kann es passieren, dass vorne, aus dem Orchestergrabenschlitz heraus, die unsichtbare Bassklarinette sich müht, den Gesang des unsichtbaren Mime milde zu umärmeln, der aber, versteckt hinter Mount Castorf, akustisch keine Chance hat. Nun ist Mime sowieso in diesem Stück der sprichwörtlich Chancenlose. Andererseits ist er aber auch, mit ausdrucksstarkem, geradezu heldenhaft metallischem Tenor gesungen von Burkhard Ulrich, eine der besten Stimmen des neuen Bayreuther „Ring“-Teams. Und er stiehlt so gleich zu Beginn dem flach und eindimensional geführten, immer etwas zu hoch ansetzenden Siegfried von Lance Ryan die Schau.

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