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Hans-Jürgen Syberberg über Richard Wagner : Ich darf, die anderen dürfen nicht

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Hans-Jürgen Syberberg auf dem elterlichen Gut Nossendorf im Sommer 2012 Bild: picture alliance / dpa

Heros der Wagner-Rezeption: Hans-Jürgen Syberberg hat den Diskurs über die Verstrickung des Werks und der Familie in den Nationalsozialismus angestoßen. Jetzt fordert er gar den Regie-Eingriff in die Partituren.

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          Herr Syberberg, sind Sie immer noch „der größte Wagnerianer seit Thomas Mann“? So hat Susan Sontag Sie einmal genannt ...

          Ich bin’s inzwischen noch mehr! Sie meinte ja nicht nur eine persönliche Haltung zu Richard Wagner, sondern auch, wie man mit ihm arbeitet, also wie ihn etwa Thomas Mann für seine Bücher produktiv gemacht hat. Er hat einige Essays über Wagner geschrieben, aber vor allem immer wieder Motive und Strukturelemente aufgenommen und literarisch zum Gegenstand seiner Arbeiten gemacht. Ich habe das in meinen Filmen versucht - also Wagner im eigenen Œuvre systematisch ernst zu nehmen.

          Wie erklären Sie sich die unverändert starke Anziehungskraft von Wagners Person und Werk?

          Wagner hat das Privileg, dass er so viele Schwierigkeiten in sich birgt. Bei ihm verhält es sich anders als bei Mozart oder Verdi, obwohl Letzterer in seiner Heimat bekanntlich politisch sehr wirksam war; doch die politischen Probleme, die Verdi bewegten, sind heute nicht mehr die Probleme Italiens. Dagegen sind die Probleme, mit denen sich Wagner beschäftigt hat, noch heute virulent. Fatalerweise hat Adolf Hitler, sein Kombattant im Ungeist, gesagt: Solange man Wagner spielt, wird man an mich denken. Das hat er richtig erkannt. Man denkt bei Wagner auch an „das Andere“. So wurde er zu einer Schlüsselfigur. Ich wollte bei der Beschäftigung mit ihm ebenfalls „das Andere“ verstehen, also das, was politisch mit ihm gemacht wurde, diese ganze Hitlerei. Aus ähnlichen Gründen wollten Joachim Fest und Susan Sontag Bücher über Wagner schreiben. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen.

          Sie waren einer der Ersten, der die Einheit von Person und Werk bei Richard Wagner betont hat. Kann man das, wie es neulich Nike Wagner vorschlug, heute allmählich wieder trennen?

          Das fällt mir bei Wagner schwer. Ich glaube, was ihn immer noch so lebendig hält, ist seine tiefe Kenntnis der menschlichen Psyche - aus eigener Erfahrung und ohne Moral. Wagner hat sein persönliches Gefühlsleben stark in seinem Werk objektiviert. Man macht ja in der Kunst manchmal etwas, das die Sünden des Lebens sozusagen entschuldigen, entsühnen soll. Bei Wagner kann ich mir vorstellen, dass er sehr viele Dinge, die er im Leben als Schuld empfand, durch den Heilungsprozess seiner Musik entsühnen wollte. Derlei kann man ganz allgemein als eine Funktion von Kunst bezeichnen - nicht die Entschuldigung, sondern, im Gegenteil, den Bußgang, die Beichte.

          Sind jenseits von diesem privaten Wagner, der Freunde und Frauen ausnutzte, die großen ideologiekritischen Schlachten um „Das deutsche Ärgernis“ und dessen Folgen nicht bereits vor dreißig, vierzig Jahren geschlagen worden?

          Ich denke: ja. Als ich 1972 meinen Film über Ludwig II. drehte, war 1968 noch frisch, und der junge deutsche Film erging sich in Sozialproblemen direkt aus der Wohnküche und Ähnlichem. Ich aber wollte unbedingt einen Film über einen König machen! Wagner galt damals übrigens - wie Ludwig - für die meisten Künstler meiner Generation als Witzfigur. Das Umdenken begann erst ein paar Jahre später, etwa als 1976 das hundertjährige Bestehen der Bayreuther Festspiele mit Patrice Chéreaus „Ring des Nibelungen“-Inszenierung gefeiert wurde und etliche bedeutende neue Wagner-Bücher erschienen.

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